Gerhard Schöne: Die Lieder der Briefkästen

BuschFunk, 2012

Titelliste

  1. Wer
  2. Brief an das Fischlein
  3. Debora
  4. Lena an Lene
  5. Der Ferienbrief
  6. Brief an die Korinther
  7. Rosa träumt
  8. Meine kleine Mama
  9. Kommission gegen Pippi
  10. Die Heubriefe
  11. Puma
  12. Geheimbrief
  13. Beim Tütenkleben
  14. Die Flaschenpost
  15. Auf leisen Sohlen
  16. Liebesbrief
  17. Schmähbrief
  18. Mein Freund Pinoccio
  19. Lieber Otto
  20. Post nach Bagdad
  21. Feldpost, Flandern
  22. Briefe von Gott

Besetzung

  • Gerhard Schöne: voc, git
  • Stefan Kling: piano
  • Wolfgang Musick: kontrabass
  • Karoline Körbel: dr, schlagwerk

Liedtexte

Wer trug von Haus zu Haus die blauen Briefe aus
und die mit schwarzen Rändern?
Wer warf den grauen Wisch einst Opa auf den Tisch,
den Marschbefehl gen Osten?
Wer kann so herzlos sein, steckt dann die Nachricht rein:
„Er fiel auf seinem Posten!“

Wer quetscht durch unsre Tür so unnütz viel Papier
mit Sonder-Ramsch-Offerten?
Wer trägt den Schwachsinn aus? Kein Mensch wird schlau daraus,
was die Behörden meinen.
Wer macht das Herz uns schwer, trägt Räumungsklagen her,
lässt Frau und Kinder weinen?

Wer hat in tiefer Nacht das Telegramm gebracht:
„Ein Mädchen ist geboren!“ ?
Wer legt ihm später nett die Post aufs Fensterbrett,
verziert mit Duft und Küssen?
Wer macht das Herz uns leicht, wenn uns der Brief erreicht,
dass wir nicht ausziehen müssen?

Wem kläffen mehr und mehr die Köter hinterher
im Dämmerlicht der Gassen?
Wem ist die Sorgenlast der Taschen oft verhasst
und kanns doch nicht vermeiden?
Wer muss den Auftrag tun? Wer geht in Engelschuhn
durch Länder und durch Zeiten?

Ach du, mein liebes, kleines Wesen! Auf \’ne Serviette aus Papier
schreib ich dir diese ersten Zeilen, weiß doch seit eben erst von dir
Pardon, auf \’nem Klo sitze ich froh. Huch, ich bin so aufgeregt,
weil sich in mir irgendwo hier so ein kleiner Fisch bewegt.

Ich war in der Apotheke, hab den Streifen hier gekriegt.
Und jetzt weiß ich das Geheimnis, Fischlein, ist das nicht verrückt?!

Ach mein liebes, zartes Wesen, pocht dein Herz schon, oder nicht?
Ich freu mich so auf dein Wachsen: Arme, Beine und Gesicht.
Auf deinen Bauch natürlich auch, Hände, Füße und die Zehn.
Zwei Augen und Näslein und Mund. Bald schon werden wir uns sehn!

Ahnungslos genießt dein Papa Cappuccino vorm Cafè,
wird sich wundern, wo ich bleibe. Hab jetzt ein Geheimnis, he!

He, mein liebes, kleines Fischlein, ich trink Kräutertee ab heut
und nur allerbestes Wasser, damit sich mein Fischlein freut,
Wenn ich hier drück, spürst du mein Glück? Oder träumst du noch so fern?
Schlaf nur recht schön! Ich muss jetzt gehen. Fischlein, ich hab dich so gern!

Noch ein P.S., eh ich \’s vergess\‘: Ich schreib öfter jetzt an dich,
auf bessres Papier als dieses Hier. Fischlein – Tschüss – ich freue mich!

Debora
\“nach den Briefen ihrer Mama Silke\“

Debora, mein liebster Schatz,
so trostloser leer ist der Platz
an dem du schliefst neben mir, kleiner Engel.
Ich denke dauernd zurück
an deinen innigen Blick,
bevor ich leise das Zimmer verließ.

Seitdem schreibe ich dir diese Briefe.
Weißt doch, wie sehr Mamale dich lieb hat!
Und als Antwort, wenn ich ganz, ganz traurig bin,
spüre ich dich.

Ich sah so deutlich vor mir,
wie Jesus kam durch die Tür,
behutsam trug er dich in seinen Armen.
Nach der Beerdigung sah
ich nachts dich wieder ganz nah
bei Jesus sitzen im festlichen Kleid.

Andre mögen denken, dass ich spinne.
Meine Seele ist so weich, so offen,
dass sie einfach jede Nachricht von dir liest
wie einen Brief.

Was war das für eine Lust:
Dein Köpfchen auf meiner Brust,
den weichen Nacken so goldig zu fühlen!
All die Kleinigkeiten mit dir
ruhen unvergessen in mir.
Ich schreib sie trotzdem für uns alle auf.

Und dein großes Schwesterchen erzählt mir:
Du hast jetzt bei Gott ein eignes Hochbett,
aber du schläfst zwischen all den Kindern ein
in Gottes Arm.

Schatz, sei geküsst und geherzt!
Du weißt, wie sehr es noch schmerzt,
wenn ich die Hemdchen anschau und die Schuhchen.
Ich will nicht heulen, nein, nein,
sollst stolz auf Mamale sein,
wie tapfer sie trotzdem lebt ohne dich.

„Und ob ich wanderte im finstern Tale,
fürchte ich kein Unglück, du bist bei mir…“
bete ich mit Dir, mein Kind und segne dich.
Dein Mamale

Lene an Lene
\“angeregt durch einen Brief, den meine Frau als Kind an sich selbst schrieb\“

Liebe erwachsene Lene, jetzt staunst du wohl,
hier schreibt dir die Lene, die du selbst warst als Kind.
Ich schreibe an dich, damit du mich nicht ganz vergisst
und nicht ebenso wirst, wie die Meisten dann sind.

Vorhin stieg ich aufs Dach mit der Flöte und spielte was,
plötzlich brach aus den Wolken ein Sommer-Regenguss.
Es dampfte das Dach. Ich war klitschnass. Mensch, war das schön.
Und ich dachte: Kein Erwachsener kennt solchen Genuss.

Erwachsene haben Angst, dass der Nachbar dann komisch guckt.
Die wollen nicht auffallen und passen sich an.
Von vielen glaubt man, dass sie selbst niemals Kinder waren,
so langweilig, öde, kein bisschen spontan.

Legst du dich noch ins Gras? Guckst du noch zu den Sternen hoch?
Läufst du noch gern im Winter barfuß durch frischen Schnee?
Presst du immer noch Blätter? Legst du sie noch den Briefen bei?
Hast du Zeit, da zu sitzen bei Kerzen und Tee?

Erinnerst du dich an den Frosch,den ich einmal fand
im tiefen Betonloch? Wie glücklich war ich,
als ich ihn empor hob und für ihn den Segen sprach
und auf einmal dachte: Auch er segnet mich!

Alte Lene, lauf raus! Mach sofort einen Purzelbaum!
Flechte dir in den Zopf Hundeblumen hinein!
Iss \’nen Berg Sauerampfer. Ja ich weiß, dass du das jetzt brauchst
und es hilft dir bestimmt, das alte Glückskind zu sein!

Mein liebster Lieblingsonkel Ludwig lud mich
in die Ferien zu sich ein.
Und wieder musste er mich dazu treiben,
wenigstens einen Brief nach Haus zu schreiben.
Ich hab herumgejammert, sprach von Schmerzen,
hier im rechten Handgelenk…
Der gute Onkel schien das zu kapieren
Und bot mir an, ihm einfach zu diktieren.
Ging mit mir in sein Büro und nahm am Schreibtisch Platz,
Schreibmaschine klar gemacht, „Nun los, den ersten Satz!“

Ich saß im tiefen Sessel, Beine hoch
und trotzdem fiel mir wenig ein.
Ich hab diktiert: „Ihr Lieben, da zu Hause!“
Dann folgte eine lange, lange Pause.
Ich fragte ihn nach Bonbons. Er saß grimmig
vor mir und hat nur getippt.
Er schien auf jeden Satz von mir zu lauern.
Ich hab gestöhnt, das könnte Stunden dauern.
Irgendwann wars fertig. Ich stand auf und seufzte tief.
Kurz darauf, daheim las Mutter laut den Ferienbrief:

Ihr Lieben, da zu Hause! Hast du nicht nen Bonbon?
Mir geht es sehr gut.
Wetter ist prima! Puh, das dauert Stunden!
Ich hab ne kleine Schildkröte gefunden.
Ich könnet fragen, ob mein Bruder ein Terrarium bauen kann…
Lieber Hans-Ulrich, wo ist das Aquarium?
Baust Du mir bitte daraus ein Terrarium?
Das macht der bestimmt nicht!
Schreib mal: Es ist hier sehr schön!
Geht die Wanduhr richtig?
Ich hab keine Lust mehr. (Stöhn)

Denkst du, das interessiert die, dass ich gestern
aus dem Bett gefallen bin?
Ich übe täglich fleißig auf der Geige.
Das Blumenwasser geht langsam zur Neige.
Ich kann schon auswendig mit Augen zu das Lied
„I wonna hold your hand“!
Die Eltern meckern garantiert. Die beiden
Können die Beatles nämlich gar nicht leiden.
Schreib noch so was wie:
Ich denk sehr oft an Euch! Vielleicht.
Liebe Grüße, Euer Gerhard. Puh! Geschafft – das reicht!

Mein liebster Patenonkel war ein Scheusal!
Wie hat er mich nur blamiert?!
Doch immer wieder wollen meine Gören
Diese Geschichte noch und noch mal hören:
Mein liebster Lieblingsonkel Ludwig lud mich
in die Ferien zu sich ein.
Und wieder musste er mich dazu treiben,
wenigstens einen Brief nach Haus zu schreiben……

Brief an die Korinther
\“der bekannteste Brief der Bibel: 1.Korinther, 13\“

Spräch ich sämtliche Sprachen akzentfrei,
sänge ich wie das himmlische Heer,
ohne Liebe dabei, wär das leeres Geschrei,
wär nur grässliches hohles Geplärr!

Hätt ich Ahnung von sämtlichen Sachen,
um mein Haupt ständig ein Geistesblitz,
hätte das keinen Sinn ohne Liebe darin,
ne Gefahr wär ich oder ein Witz.

Gäb ich mein letztes Hemd einem Penner,
stürb für Freiheit, für Frieden und Recht,
ohne Liebe dabei, wär es doch einerlei.
Ohne Liebe wird alles nur schlecht.

Denn die Liebe ist gütig, geduldig.
Sie sagt nicht: Das bist du mir schuldig!
Sie macht sich nicht breit,
sie nimmt sich viel Zeit,
ergötzt sich nicht an fremdem Leid.

Die Liebe kann Kränkung verzeihen,
sie lässt leine Lüge gedeihen.
Das Lästermaul scheut sie.
Die Wahrheit erfreut sie.
Sie glaubt gern und hofft allezeit.

Ach, die Liebe, die findet kein Ende.
Alles Reden von Gott ist zu klein.
Alles Wissen kann irren,
die Prognosen verwirren.
Die Liebe bestehet allein

Sei’s ins Herz Euch geschrieben:
Glauben, Hoffen und Lieben.
Wirklich groß ist die Liebe allein.

Rosa träumt
\“Rosa Luxemburg an ihren Liebsten Leo Jogiches\“

Ich will zu dir, komm nicht weiter, wie nur schmeckt dein Kuss?
Ich: Paris, mein Liebster: Zürich. Giorgo, wann ist damit Schluss?

Warum willst Du denn nicht kommen? Du könntest wohnen hier.
Die Arbeit wäre ein Kinderspiel, ach Giorgo, überleg es Dir.

Heut mitten in der Besprechung, hörte ich kaum noch hin.
Mich befiel solch eine Sehnsucht. Beinah hätte ich aufgeschrien.

Um mich wenigstens zu trösten und schnell bei Dir zu sein,
pfeift im Kopf die Lokomotive und im Kopf steig ich schon ein…

Ich sehe mich in Zürich einfahrn, du wartest schon auf mich.
Ich sehe mich aus dem Wagen steigen, Giorgo, dann entdecke ich Dich.

Du wirst im Gedränge stehen. Bitte bleib dort stehen!
Ich will Dir entgegen gehen. Und wir werden uns ansehen.

Nein, wir werden uns nicht küssen. Das verdirbt den Spaß!
Wir gehen nur ganz schnell nach Hause, ohne turteln, streng nach Maß!

Dann zu Hause, weg die Mäntel! Auf die Couch gesetzt.
Dann umarmen wir uns Giorgo und ich weine. So wie jetzt.

Meine kleine Mama
\“Antoine de Saint-Exupéry an seine Mutter 1922\“

Meine kleine Mama,
sitz vor deinem lieben Briefchen.
Meine kleine Mama,
du, ich wär so gern bei dir.
Wenn du wüsstest, wie ich täglich
mehr und mehr dich gern hab!
deine Briefe wehen wieder
frische Luft zu mir.

Hier ist alles muffig, eng,
so trostlos und stupide!
Sicher trägst du jetzt im Herbst
den kleinen, roten Hut?!
Sicher ordnest du jetzt im Salon
so hübsch die Blumen.
Und mein Leutnant brüllt herum.
Hab ich ne Wut!

Hab heut Abend Heimweh,
Mama, wie ein kleiner Junge.
Du konntest so gut trösten,
Mama, nahmst nur mein Gesicht,
hörtest meinen Kummer,
kam ich schluchzend aus der Schule,
küsstest meine Tränen weg,
mein Leutnant macht das nicht!

Du bist meine Zuflucht.
Du lässt mich die Angst vergessen.
Ach, wie gerne lehnte ich
den Kopf jetzt bei dir an.
Draußen quaken Frösche,
wie bei dir zu Haus, nur schlechter.
Mama, sei umarmt!
Dein großer Sohn Antoine

Kommission gegen Pippi
\“nicht überall auf der Welt hatte „Pippi Langstrumpf“ Freunde, wie dieser Brief aus Basel von 1952 zeigt\“

Kommission der Bibliothek des Erziehungsdepartments
Betreffs: „Pippi Langstrumpf“ von Lindgren, Astrid

Diese Buch, gedacht für Knaben und Mädchen
zwischen 8 und 10, will originell sein, doch
es verfolgt eine äußerst bedenkliche
erziehungspädagogische Absicht!

Der Verfasserin ist dies gründlich missglückt.
Mit der Originalität ist \’s nicht weit her.
Hinter die psychologische Grundhaltung
setzen wir ein großes Fragezeichen.

Pippi, die Heldin ist ein kleines Mädchen,
das ohne Eltern allein lebt im Haus.
Was andern Kindern niemals erlaubt wäre,
mutwillig tut sie und lässt sie grad dies.

Es läuft prinzipiell unordentlich herum,
hält sich einen Affen und ein Pferd im Haus.
Und natürlich trinkt sie wenn sie will Kaffee
Und schmeißt hernach die Tassen zu Boden.

Geht nicht zur Schule, verteilt Süßigkeiten,
vor Autoritäten hat sie nicht Respekt.
Dabei aber lügt sie gleich mehrmals pro Seite!
Die Spielkameraden bewundern das noch…

Kurzum: Dieses Buch, trotz Kindertümlichkeit
wirkt so abstoßend und viel zu originell.
Mag es auch berühmt sein, dieses Pippi-Buch.
Die Kommission lehnt es ab, mit Nachdruck!!!

Die Heu-Briefe
\“In ihren Erinnerungen erzählt Astrid Lindgren von den Zetteln, die sie und ihr Bruder aneinander schrieben, während sie an den großen Holzgattern auf die Heuwagen warteten, denen sie diese „Heubriefe“ dann hinten ins Heu steckten.\“

Auf dem Feldweg entlang fahren Heufuhren schwer.
Zwischen Gunnar und Astrid geht die Heu-Post hin und her.
Ab und zu Tore öffnen und paar Öhre kassiert,
dann wieder lesen und Briefe schreiben und erzählen, was passiert.

„Hallo Gunnar, hast du das gesehen?
Larson hatte eine neue Mütze.
Die passt gut zu seiner roten Nase!
Sein 2-Öhre-Stück fiel in die Pfütze.“
„Hallo Astrid, Larson war betrunken.
So ‚ne Mütze würde ich nie tragen.
Wär’s nicht toll, heut Nacht im Heu zu schlafen?
Würdest du vielleicht den Papa fragen?

Oben fliegt grad eine Henne mit Ei als Wolke vorbei…“

Auf dem Feldweg entlang fahren Heufuhren schwer.
Zwischen Gunnar und Astrid geht die Heu-Post hin und her.
Ab und zu Tore öffnen und paar Öhre kassiert,
dann wieder lesen und Briefe schreiben und erzählen, was passiert.

„Lieber Gunnar, eben war ich pullern.
Plötzlich hörte ich ein feines Lachen.
Im Gebüsch vor mir saß eine Elfe,
um genau wie ich ins Moos zu machen!“
„Astrid, du hast immer Glück mit Elfen!
Ich seh’ höchstens Würmer oder Unken.
Ob der Larson noch einmal vorbei kommt,
oder ist der schon zu sehr betrunken?

Wollen wir heut noch zum Eulenbaum gehen, die Eier ansehen?“

Auf dem Feldweg entlang fahren Heufuhren schwer.
Zwischen Gunnar und Astrid geht die Heu-Post hin und her.
Ab und zu Tore öffnen und paar Öhre kassiert,
dann wieder lesen und Briefe schreiben und erzählen, was passiert.

„Liebe Astrid, noch mal zu den Eulen:
Gestern hab ich mir ein Ei genommen.
Dafür hat von mir die Mutter Eule
Aus dem Hühnerstall ein Ei bekommen.“
„Gunnar, sag mal, bist du noch zu retten?!!!
Die erkennt gewiss ein Hühnerküken!
Und wie soll ein Küken fliegen lernen?
Sicher wird sie wütend nach ihm picken!

Lass uns jetzt aufhören. Ich komm gleich vorbei.
Dann holen wir das Ei!“

Puma
\“Erich Maria Remarque, Porto Ronco an Marlene Dietrich, New York\“

Puma, oh Puma! Wann warn wir je glücklich?
Irgendwas fehlte bisher,
Denk einmal nach, erst wenn wir zwei uns haben,
gibt es kein „schöner“ und „mehr“!
Jazzmusik weht leise durchs große Zimmer,
hilft mir beim Träumen und Fliegen.
Puma, ich bin heute Nacht – ja, mir war so-
Hinab in den Keller gestiegen.

Ein „1911er Steinberger Cabinett,
Preußische Domäne. Edel bis zum Etikett!
Mit den Hunden und der Flasche lief ich an den See.
Mondbeglänzt und gischtbespritzt schrie ich mein: „Yppiyeh“

Puma, oh Puma, da flog meine Flasche
Im Bogen hinaus in die Nacht,
sank auf den Grund als Geschenk an die Götter,
die uns zusammen gebracht.
Jetzt ruht sie dort, bei den Welsen und Hechten,
umringt und bewundert von allen.
Die schmalen, betupften Forellen, die finden
Am Lichtspiel des Glases gefallen.

Irgendwann, wenn dunkle Erde unsre Münder füllt,
zieht ein Fischer sie empor, bestaunt den Fund und spült
Tang und Schlamm hinweg. Dann trägt er sie zum kleinen Haus.
Nachts, unter Zypressen endlich, zieht er n Korken raus.

Puma, oh Puma, ein Duft wird verströmen,
nach Herbst, Nüssen, Sonne und Leben,
nach unserem Leben, oh Puma, Geliebte,
sehr fein wird er alles durchweben.
Der Fischer, nichts ahnend, was ihn zärtlich anrührt,
wird atmen, schweigen und trinken.
Erst wenn er längst schläft, werden zwei dunkle Falter
herab aus dem Nachthimmel sinken.

Am Rand des Glases tanzen sie und ruhen zitternd aus,
bis irgendwann die Sonne steigt. Der Fischer tritt heraus,
wird staunen über diese wundersam Falter dort.
Oh Puma, Puma, dann erst fliegen wir endgültig fort.

Geheimbrief
\“diesen „Geheimbrief“ eines größeren Schülers an einen jüngeren fand man zwischen den Seiten eines Buches der Schulbibliothek\“

Ich schreibe dir ein Geheimnis. Lies diesen Brief ganz allein
und lege ihn dann am Ende wieder ins Lehrbuch hinein!
Wenn die Erwachsenen meckern, streite nichts ab, sei gescheit,
völlig egal, ob du Recht hast. Sage, es täte dir leid.

Sie sind schon groß und erfahren.
Und du bist dumm noch und klein.
Darum lass dich nie auf Diskussionen
mit den Erwachsenen ein!

Lass sie nur labern und sage, dass du es nie wieder tust,
auch wenn du gar keine Schuld hast. Widerspruch bringt dir nur Frust,
Sag einfach, du willst dich bessern, dann sind sie still, du wirst sehen.
Nimm ihnen Wind aus den Segeln, glaub mir, die lassen dich gehen.

Du musst dich völlig entspannen.
Reg dich nicht auf, bleibe cool.
Nur so behältst du das Oberwasser
In dem Erwachsenen-Pool.

Hab mich zu oft schon gestritten, kam dann so richtig in Fahrt.
Hätte mich einer beraten, hätt’ ich mir Ärger erspart.
Das ist mein ganzes Geheimnis. Kind sein ist wirklich nicht leicht.
Manchmal braucht unsereins Taktik, damit er das Ufer erreicht.

Und sind wir selber Erwachsen,
machen wir \’s besser, als die.
Ich will doch nicht, dass mein Kind so \’ne
Scheiß-Taktik anwenden muss – nie!

Beim Tüten kleben
Julius Fuciks letzter Brief aus dem Gefängnis

Ich musste leider umziehn. Und hier meine Wohnung:
\’ne schäbige Zelle, Berlin – Plötzensee.
Gerichtstermin war Montag. Es gab keine Schonung.
Ich hab \’s ja erwartet, drum tut \’s nicht mehr weh.

Nun muss ich Tüten kleben und singe dabei.
Nichts nimmt mir meine Freude, fast fühle ich mich frei.
Ich denke an Euch.
Ich hatte Euch lieb.
Seid wach.
Seid wach.

Die Richter und die Henker, bald werden sie stürzen.
Noch lügen sie straflos. Bald müssen sie gehen.
Der Mensch wird ja nicht kleiner, auch wenn sie ihn kürzen.
Ein Kopf geht verloren. Es bleiben Ideen!

Die Hoffnungen fallen leise wie herbstwelke Blätter.
Da steh ich, ein Baum und mein Ende ist nah.
Die Früchte waren reichlich. Ich kenne alle Wetter.
Ihr sollt nichts vergessen von dem was geschah.

Ich schaue nach den Wolken und singe dabei.
Nichts nimmt mir meine Freude, fast fühle ich mich frei.
Ich denke an Euch.
Ich hatte Euch lieb.
Seid wach.
Seid wach.

In Kampen lebte mal ein neunjähriger Junge,
der hatte Husten und ne stark belegte Zunge.
Drum sprach sein Papa Klaus: „Du bleibst heut schön zu Haus!
Sonst legt sich das womöglich auf die Lunge!“

Er trank den Hustensaft mit einem Schluck hinunter.
Das Fläschchen war so hübsch! Er lief zur Straße runter.
Er steckte einen Brief und einen Korken tief
Ins Fläschchen. Schon schwamm es im Bächlein munter.

Er lief ein Weilchen mit. Auf einmal war \’s verschwunden.
Die kleine Flaschenpost hat Schleusen überwunden.
Den Issel-Fluß hinab trieb sie und brauchte knapp
Ein Jahr bis sie den Weg zum Meer gefunden.

Der Junge war fast elf. Längst hatte er vergessen
die kleine Flaschenpost. Die planschte unterdessen
im nahen Issel-Meer \’ne Weile hin und her
und war auf Abenteuer ganz versessen.

Der Golfstrom nahm sie mit auf eine weite Reise.
Hier sah sie Yachten fahren und Tanker haufenweise,
\’ne Surferin in Not, ein umgekipptes Boot,
oft trieb sie selber wochenlang im Kreise.

Vor Kanada trieb sie herum in warmen Buchten.
Ein Fischernetz zog sie hinab in Meeresschluchten.
Dortr steckte ganz lang im modderigen Tang
Und hatte Mühe, sich heraus zu wuchten.

In Kampen ist das Kind zum Koch herangewachsen.
In seinem Restaurant grillt der die feinsten Haxen
Mit Möhrenschaumglacè an Preiselbeerparfait
Und hat gar keine Zeit für Kinderfaxen.

Die kleine Flaschenpost will einfach nicht aufgeben.
Sie ahnt wohl einen Sinn in diesem, ihrem Leben.
Ein Strom treibt sie zum Glück in Richtung Ost zurück
Um auf die Küste Frankreichs zuzustreben.

Am Strand von Biarritz joggt morgens frisch und munter
\’ne kleine Kaltmamsell. Nanu, sie blickt hinunter.
„ne Flaschenpost liegt hier! Die will bestimmt zu mir…
Na komm, ich mach dich auf, Du kleines Wunder!“

Sie liest entzückt den Brief, vor elf Jahren geschrieben!
Sie sucht den ganzen Tag im Internet, Punkt sieben
ruft sie in Kampen an. Nein, so ein netter Mann!
Ist klar, dass sich die beiden gleich verlieben!

Punkt acht sucht sie bereits für \’n nächsten Tag die Flüge.
Die kleine Flasche, die drückt sie zur Genüge
an ihre weiche Brust. Mmmmm – ist das eine Lust!
Jetzt hör ich auf, sonst denkt ihr, dass ich lüge.

\“Bevor sich Tolstoi auf einer Bank der Bahnstation Astapowo zum Sterben hinlegte, war er (lang geplant und immer wieder aufgeschoben) von zuhause geflohen, weil er anders leben wollte. Seiner Frau hinterließ er einen Abschiedsbrief.\“

Seit langem, meine Liebe, bin ich nicht froh noch frei.
Mein Glauben und mein Leben Sind leider zweierlei.
Es leidet meine Seele, doch eines weiß ich jetzt:
Ich kann wie ihr nicht leben in Luxus und Geschwätz.

Ich will auf leisen Sohlen verreisen,
bei mir ankommen und Gott nahe sein.

Wenn ich so heimlich gehe von euch, befällt mich Scham.
Besonders du, mein Liebes, sei mir darum nicht gram.
Nichts mag ich dir vorwerfen. Längst leben wir entzweit.
Gedenk der langen Liebe mit mir in Dankbarkeit.

Ich will auf leisen Sohlen verreisen,
bei mir ankommen und Gott nahe sein.

Mein Herz und mein Gewissen, die liegen allezeit
mit dem verwöhnten Leben hier laut im Widerstreit.
Und darum muss ich gehen. Ich stürbe, wenn ich blieb.
Ich sollt nach mir nicht suchen. Leb wohl! Ich hab dich lieb!

Ich will auf leisen Sohlen verreisen,
bei mir ankommen und Gott nahe sein.

Liebesbrief
Adolfine Henriette Vogel an Heinrich von Kleist

Mein Heinrich!
Mein Süßtönender,
mein Hyazinthenbeet,
mein Wonnemeer.
Mein Morgen- und Abendrot,
meine Äolsharfe,
mein Schoßkindchen,
mein liebster Herr,
mein Sternenbild, mein Tau.

meine Freude, mein Leid,
meine Wiedergeburt,
meine Wasser und Wind,
mein gewünschtes Jenseits und Hier.

Mein Heinrich,
meine süßeste Sorge,
mein Gewissen, mein Stolz,
meine rechte Hand,
mein Augentrost.
Meine Himmelsleiter,
meine Großmut, meine Herrlichkeit,
mein Schwert und Helm,
mein Paradies
und meine Tränen.

Oh mein Ritter, mein Graf,
mein Herr, Schutz und Schirm,
mein Herzensnarr, mein Schifflein,
mein Glück und mein Trost,
meine sichere Burg,
mein Schmeichelkätzchen,
mein Reh.

Mein Heinrich,
meine Wiege, mein Weihrauch und Myrrhen,
mein Richter, mein Heiliger,
meine Seele, meine Nerven,
mein lieblicher Träumer,
mein Lehrer und mein Schüler,
über Gedachtes und zu Erdenkendes
liebe ich dich.

Schmähbrief
\“So wie die Hochkultur des Liebesbriefschreibens vorbei ist, kennt kaum noch jemand den „Schmähbrief“. Auch in Briefstellern, den Büchern mit Musterbriefen, sucht man ihn vergeblich. Deshalb hier eine Lektion.\“

Du Bratwurstprinz! Du Schimmelkind!
Du Dummbeutel! Du Dünnwind!
Du Pisspantoffel! Klaviergesicht!
Du Schmalzdackel! Du Vollrind!
Du bist ein Radioaktivist,
Schwachstromelektriker, Hilfspolizist,
Flachzange, Dorftrottel!
Weißt du, was du bist?
Ein Kompetenzsimulant !!!

War doch schon prima! Atmen Sie tief
Und dann geht’s weiter, ganz creativ!

Du Frolic-Stanzer! Du Mickerling!
Du Krustentier! Du Brunstgaul!
Du Rummelboxer! Du Mückenfurz!
Du Seifendackel! Du Schlickmaul!
Du bist ein 3-Sterne-Kompost-Koch,
Brechreizbeschleuniger, Monsterloch,
Sumpftulpe, Vollkoffer,
weißt du, was noch?
Ein Auspuffinnenbeleuchtungsmonteur !!!

Raus mit dem Ärger! Raus mit der Wut!
Jetzt nur nicht aufhören. Alles wird gut…

Du Flachwasserpaddler! Du Ganzkörperclown!
Du Abwassertaucher! Du Gossi!
Du Käsekrokette! Du Frühstücksfurz!
Du Frösi-Stammleser! Du Ossi!
Du bist ein Pseudo-, ein Scheinmoralist,
Katzenfriseur, so ein Hackfleischsadist,
Knallkörper, Kasperkopp,
nee eigentlich bist
du nur ein Intelektuellenimmitator !!!

Mein Freund Pinocchio
\“Bischof Albino Luciani, der späteren Papst Johannes Paul I. schrieb für eine Zeitschrift monatlich eine Kolumne in Briefform. Es waren Briefe an bekannte Persönlichkeiten, so auch einer an Pinocchio.\“

Pinocchio, ich grüße Dich!
Mit sieben Jahren hatte ich
fast niemanden so lieb, wie dich,
mein Freund Pinocchio.

Ich bin wie du herumgetollt,
suchte Schätze und fand Katzengold
und falsche Freunde, ungewollt,
mein Freund Pinocchio.

Nun bin ich alt und nun find ich mich wieder
In denen, die sich immer sorgten um dich,
wie dem Meister Gepetto, der sprechenden Grille,
der Fee und dem Glühwurm, dem Krebs und dem Fisch.
Wenn ich dir aus Sorge jetzt dies und das sage,
dann bitte, wirf nicht gleich den Hammer nach mir.
Die Kinderschuhe werden dir nun bald zu eng sein.
Ein schwieriges Alter, das sage ich Dir!

Pinocchio, jetzt zieht es dich
zu deiner Clique sicherlich.
Ihr habt nur Spott für einen, wie mich,
mein Freund Pinocchio.

Du machst, was deine Clique macht,
trägst ihre Kleidung mit Bedacht,
sonst nämlich wirst du ausgelacht,
mein Freund Pinocchio.

Vielleicht ist dein Glaube dir dann plötzlich peinlich,
es scheint alles erklärbar, Zweifel türmen sich auf.
Wenn dein Glaube ein Berg wäre mit gutem Getreide,
dann lauern jetzt Massen von Mäusen darauf.
In der Schule, in Medien, in allen Geschäften,
da stopfen sie dir jetzt ihr fastfood hinein.
Das gute Getreide jedoch will dir Nahrung
und Saatgut für Kinder und Enkel noch sein.

Pinocchio, ich weiß genau,
bald suchst und findest du die Frau,
die dich nicht kalt lässt oder lau,
mein Freund Pinocchio.

Du wirst doch nicht enthaltsam sein?!
Du willst doch nicht ins Kloster rein?!
Und einmal Papst Pinocchio sein?!
Mein Freund Pinocchio.

Lieber Otto
\“An den Gefreiten Otto … 1916 ins „Feld“ geschickt von seiner Frau Marie\“

Lieber Otto, warum schreibst du nicht? Ich warte auf ein Zeichen!
Wohin hat man euch verlegt? Geht es schon wieder ins Gefecht?
Paula Schulze traf ich gestern. Denk nur, Herbert ist gefallen!
Schon ihr zweiter Sohn… Mehr hat sie nicht. Die Welt ist ungerecht!

Otto, mein innig geliebter! Kann nicht schlafen, kann nicht denken.
Mir will fast der Kopf zerspringen. Dauernd renne ich hinaus.
Doch wann immer auch die Post kommt, zuckt der Briefträger Schultern.
Jetzt sitze ich vor deinem Bild und heule mir die Augen aus.

Otto! Ottochen, mein Guter! Was ist los? Ach bitte schreib doch!
Gestern ging ich mit der Kleinen zur Zerstreuung in den Zoo.
Aber nicht nur ich, auch Liesel hat an nichts mehr eine Freude.
Sie sorgt sich um ihren Papa. Otto, alle warten so!

Lieber, lieber guter Otto! Bin zu nichts mehr zu gebrauchen.
Denk, mein Garn auf der Maschine reißt am Tage hundert Mal.
Ein Berg Arbeit türmt sich auf und meine Augen sind verschleiert
von den Tränen. Bitte schreibe und erlöse mich von der Qual.

Alle Briefe kamen wieder, ungeöffnet, ungelesen
mit dem Stempelchen: „zurück!“ und mit Vermerken kurz und knapp.
Worte standen da: „gefallen“ „Heldentod“ und „Feld der Ehre“
Selbst der Briefträger war blass, als er das Bündel übergab.

Brief nach Bagdad
\“Frei nach einem Witz, den man sich unter anderem Vorzeichen schon in der DDR erzählte. Wenn der Staat das Postgeheimnis verletzt (heut wird das durch Terrorismusverdacht legitimiert) kann man sich dies u. U. Zunutze machen.\“

Lieber Jussuf, Sonne meines Herzens!
Kommst Du nun in Bagdad gut zurecht?
Möge Allah Deine Wege segnen!
Ich bin leider wieder sehr geschwächt.
Sonst könnt ich mein Gartenreich genießen.
Doch mir fällt das Umgraben so schwer.
Habe Pflänzchen, Stecklinge und Samen.
Nur, wo nehme ich die Hilfe her?

Ach, die Sorgenfalten!!!
Sonst geht’s Deinem alten
Papa gut.

Lieber Papa! Rühr nichts an im Garten!
Du weißt doch, was da vergraben liegt?!
Sprich mit keinem über das Geheimnis!
Wir wolln doch, dass unsre Sache siegt…
Lieber Jussuf! Danke für die Karte.
Ich verstehe überhaupt kein Wort.
Welche „Sache“? Was für ein „Geheimnis“?
Was, mein lieber Junge liegt denn dort?

Ach, ist das nicht grässlich?
Ich bin so vergesslich?
Dein Papa

Lieber Jussuf, Sonne meines Herzens!
Habs kapiert, bin doch noch nicht so dumm!
Heute morgen kamen zwanzig Männer
und die gruben meinen Garten um.
Schnell und gründlich taten sie die Arbeit,
schließlich fuhrn sie ärgerlich davon.
Meine Pflänzchen freun sich, ich bin dankbar:
Was hab ich für einen klugen Sohn!

Alle Nachbarn schmunzeln,
fort die Sorgenrunzeln.
Kuss – Papa

Feldpost, Flandern1914
\“Von dem Wunder des „kleinen Friedens“ mitten im Ersten Weltkrieg weiß man heute vor allem durch die vielen Feldpostbriefe.\“

Meine liebe Mathilde, sitz hier immer noch fest
In \’nem eisigen Schlammloch, gestern war \’s Weihnachtsfest.
Was ich Dir jetzt erzähle, klingt nicht glaubhaft, ich weiß.
Aber es ist die Wahrheit.
Ich bin so oft verzweifelt. Dieser Krieg ist ein Graus!
Und erst hieß es doch immer: Weihnacht wärn wir zu Haus.
Davon ist keine Rede mehr. Jetzt aber hör:
Gestern geschah ein Wunder.

Einer von uns, so ein kleiner Tenor,
sang in der Stille ein Weihnachtslied vor,
plötzlich von drüben, von den Tommys Applaus,
dann sangen die „merry christmas“

Diesmal flog uns –statt Kugeln- nur Gesang um die Ohrn.
Hier: „Ihr Kinderlein kommet!“. Dort: „a child is born!“.
Ein Besoffener von uns hielt \’nen Weihnachtsbaum hoch,
dabei rief er: „Nicht schießen!!!“
Eine Stille war das. Niemand hat sie gestört.
Nicht ein Schuss ist gefallen. Hab nur Rufe gehört::
„We not shoot!!! You not shoot!!!” Langsam krochen wir raus
aus unsern Schützgräben.

Unter den Sternen im Niemandsland,
gaben wir Männer einander die Hand,
tauschten Zigaretten und haben gelacht,
andre, wie ich, wischten Tränen.

Heut begruben wir Tote, tranken Whisky und Korn.
Fußball spielten wir besser, Kricket haben wir verlorn.
Und wir zeigten uns Fotos von den Lieben daheim.
Ja, wir verstehn uns blendend.
Meine liebe Mathilde, ich begreife das nicht,
warum wir uns bekriegen, keiner will \’s eigentlich.
Aber wenn der Befehl kommt, ist der Traum hier vorbei.
Nun sei umarmt! Dein Wilhelm

Das weite All, der Schneekristall,
der blasse Stern über mir,
verträumtes Kind, Wäsche im Wind,
ein Boot aus weißem Papier.

Die schmale Hand, Muscheln im Sand,
die kleinen Sonnen im Tau,
die laue Luft, der Mangoduft,
das Sommerkleid einer Frau…

Sind Liebesbriefe, sind Liebesbriefe,
sind Liebesbriefe von Gott.

Der Glitzerstein, das Federlein,
unter den Füssen das Gras,
Papierlampions und Luftballons,
die Pfirsichbowle im Glas.

Mein Lieblingsbuch, dein Seidentuch,
die Sonne hinter dem Meer,
ein bissen Brot, mein Herz im Lot,
Gesang von irgendwoher…

Sind Liebesbriefe, sind Liebesbriefe,
sind Liebesbriefe von Gott.

Die Spur im Schnee, eine Idee,
ein Pflänzchen im Mauerritz,
im Schuh der Sand, die Wolkenwand,
vor dunklem Himmel ein Blitz.

Ein Trostgedicht, ganz fern ein Licht,
auf meinen Wangen dein Haar,
der Bach-Choral, das Abendmahl,
die Kerzen auf dem Altar…

Sind Liebesbriefe, sind Liebesbriefe,
sind Liebesbriefe von Gott.

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