Gerhard Schöne: Das Leben der Dinge

BuschFunk, 1998

Titelliste

  1. Kunos Schlafsack
  2. Die Schatzdose
  3. Die Küche
  4. Peterchens Mondkarussel
  5. Wimpel für gute Disziplin
  6. Die Werkbank
  7. Das vergessene Kochbuch
  8. Harald
  9. Der schwarze Samtzylinder
  10. Brief des Irren
  11. Der Spiegel
  12. Der Filmprojektor

Besetzung

  • Gerhard Schöne: voc, git
  • Rainer Schwander: hackbrett
  • Jörg Naßler: git, bass
  • Karl- Heinz- Saleh: git, bass, drums, Flöten, voc,
  • Tobias Morgenstern: acc, piano, perc
  • Stefan Kling: piano
  • Rainer Rohloff: git, e-git
  • Rolo Rodriguez: drums
  • Jörg Ritter: perc
  • Jürgen Kupke: klarinetten
  • Jörg Huke: pos, tb
  • Volker Schlott: Hörner, Flaschensound, perc
  • Uli Moritz: perc, drums
  • Regine Süßmuth: viol
  • Almuth Kummer: viol
  • Ulrike Paetz: bratsche
  • Cornelia Börngen: cel
  • Friwi Sternberg: klarinette
  • Jens Naumilkat: violoncel
  • DAS BLAUE EINHORN: Paul Hoorn, Tino Schloz, Dietrich Zöllner, Andreas Zöllner: acc, bass, geige, git, voc

Liedtexte

Kuno hatte nur Probleme.
Die sind alle jetzt vorbei.
Liegt verrenkt da auf den Gleisen.
„Tot!“, sagt die Polizei.
Was soll jetzt aus Rosi werden,
seinem Spitz?
Sie und ich, wir warn sein einz´ger Besitz.

Bin ein blauer Nylonschlafsack.
Nachts war ich sein dickes Fell,
das ihm sonst im Leben fehlte.
Er kniff ja viel zu schnell.
Hat im Schlaf so oft gezittert
und geflennt.
Leider konnt ich´s nicht verhindern, das End´.

Wär die Rosi nicht gewesen,
hätt´er lang schon Schluss gemacht.
Wenn sie ihm die Ohrn ausschleckte,
hat er sogar gelacht.
Traute sich kaum unter Leute,
schämte sich.
Hatte schließlich nur noch Rosi und mich.

Kuno hab´n sie jetzt verladen.
Mich hab´n sie noch nicht entdeckt.
Rosi wollten sie zwar fangen,
doch die hat sich versteckt.
Wenn ich Glück hab, kommt sie später
wieder her,
denn ich riech ja noch´n bißchen wie er.

Es war Sommer in Lodz, in dem Jahr ´42
da bauten die Männer vom Rummel mich schnell
zusammen, am Rand der Urzednica- Straße.
Mich, „Peterchens Mondkarussel“.

Flamingos und Schwäne an eisernen Ketten
umflogen bei jeder Partie zur Musik
Frau Luna, im funkelnden Silberstern-Mantel.
Die Kinderchen jauchzten vor Glück.

Refr.:
Hehe, gleißende Sterne!
Hehe, Kinder, steigt ein!
Hehe, dreh mich nicht gerne
um mich allein!

Doch in jenem Sommer, im Jahr ´42
zerteilte die Straße ein Stacheldrahtzaun.
Dort hatten die Deutschen ein Ghetto errichtet
für jüdische Männer und Fraun.

Und Kinder. Und Kinder. Und noch einmal Kinder.
Zusammengepfercht in das enge Quartier.
Die standen am Zaun da mit offenen Mündern
und wollten so gerne zu mir.

Refr.:
Hehe, blassgelbe Sterne.
Hehe, wie kann das sein?
Hehe, sehn mich von ferne
und keines steigt ein.

Ich schämte mich so der Musik und des Glitzers.
Ich spürte, wie traurig die Kinderchen schaun.
Ich flehte zu Gott, zu dem Herrn allen Lebens:
Zerschneide den Stacheldrahtzaun!

Heb du sie hinauf auf Flamingos und Schwäne,
die eisernen Ketten der Gondeln nimm fort.
Lass alle die Milchstraße fliegen nach Süden
an einen erträglichen Ort!

Refr.:
Hehe, fallende Sterne.
Hehe, keiner greift ein.
Hehe, hör sie von ferne
betteln und schrein.

Erst knarrt die Treppe, dann quietscht die Tür.
Hell wirds im Keller, jetzt isser hier.
Wieder mal so k.o., fummelt am Radio,
lässt allen Frust bei mir ab, findet Trost
an seiner Werkbank.

Er lebt tagsüber in ´nem Büro,
blättert in Akten, raucht auf´m Klo.
Kommt immer blass nach Haus, sieht so
erbärmlich aus.
Nach einer Stunde blüht er wieder auf
an seiner Werkbank.

Lötkolben, Zangen, Zwingen und Ahlen,
liegen gepflegt, teils geölt, in Regalen,
tausende Schrauben, Muttern, Ösen
liegen sortiert nach entsprechenden Größen
exakt beschriftet am richtigen Fleck
in mir, seiner Werkbank.

Weil ich ihn locke aus seinem Bau,
isse stocksauer auf mich, die Frau.
Oben da schläft sie nun. Er hat noch viel zu tun.
Er muss das Blech noch mal überpoliern
an seiner Werkbank.

Zwei goldne Hände, sagt man, hat er.
Drum schleppt er dauernd irgendwas her.
Neulich der Räuchermann, dann war der
Gameboy dran.
Heut hat er´n Messingtablett repariert
an seiner Werkbank.

Keilriemen, Messer, olle Propeller,
was alles schleppte er nicht in den Keller!
Sprechende Puppen, schweigende Hupen,
klemmende Rolltreppen aus Puppenstuben.
Was auch kaputt war, er kriegte es heil
an mir, seiner Werkbank.

´s Tablett repariert, ´s Werkzeug liegt drin,
sitzt er und geht nicht, seufzt vor sich hin.
Stiert mir ein Loch ins Holz,
sonst war er doch so stolz!
Jetzt legt er´n Kopf in die Arme und schluchzt
an seiner Werkbank.

Hab ihm doch immer Freude gemacht.
Er ist so anders in dieser Nacht,
biegt eine Ahle krumm, kippt die Regale um.
Alles verwüstet, verrutscht und kaputt
in seiner Werkbank!

Zum zweiten Geburtstag, da kriegtest du mich.
Du wolltest ´nen Teddy. Und ich wollte dich!
Lag mit dir im Bettchen, saß auch im Versteck.
Du backtest mir Kuchen aus Modder und Dreck.
Hab jedes Geheimnis von dir gleich gewusst
und trug es verschwiegen in der Holzwollebrust.

Refr.:
Du nanntest mich Harald!
Nicht „Teddy“, nur Harald.
Sonst heißen wir Schnurzel und Pinky und Purzel,
doch ich war der Harald für dich.

Fuhrst du in die Ferien, blieb ich nicht zu Haus.
Ich guckte ganz oben zum Rucksack heraus.
Kamst du aus der Schule, dann zeigtest du mir,
wieviel zwei mal zwei ist. Ich weiß es noch: Vier!
Und gab es Probleme, wir hielten zusamm´,
war für deine Tränen der einzige Schwamm.

Refr.:
Dann riefst du nach Harald,
nach mir, deinem Harald.
Du riefst nicht nach Mama, nicht Papa, noch Oma,
dann brauchtest du Harald für dich!

Jetzt nimmst du so´n Kerl mit in unser Versteck.
Ich klemme im Wandschrank hier zwischen Gepäck.
Dass du mich so falln lässt, kam alles so schnell.
Ich kriege vor Ärger schon Motten im Fell.
Und Holzwolle quillt aus dem offenen Bein.
Wie ich dich verachte! Du bist so gemein!

Refr.:
Komm bloß nicht mit „Harald!
Mein lieber Freund Harald!“
Jetzt lauf doch zu Frieder, René und Hans-Dieter.
Ich mach nicht den Harald für dich!

Ha, wenn der nur wüsste, was ich alles weiß …
Du sabberst beim Schlafen und grunzt dabei leis.
Und wie oft du heul´n mußt, das ist nicht normal.
Erzählst so viel Blödsinn! Es ist eine Qual.
Der´s nicht zu beneiden! Ha, der wird schon sehn!
Der wird dir beizeiten den Rücken zudrehn …

Refr.:
Da ruft jemand: „Harald!!!“
Du suchst deinen Harald!
Du hältst mich umfangen, ganz nass deine Wangen,
na klar, du brauchst Harald für dich!

Bin ein schwarzer Samtzylinder,
mich bestaunten oft die Kinder,
und der Zauberer bekam Applaus.
Sieben Tauben, acht Kaninchen,
neun geschälte Apfelsinchen,
gab ich ihm allabendlich heraus.

Er wurde gefeiert, zuletzt im Salon
eines Dampfers „Titanic“. Nur ich kam davon.

Bräutigame, Trauergäste haben mich seither getragen.
In Theatern, Trödelmärkten lag ich und im Pfandleihhaus.
Dort erstand mich ein Clochard für´n paar Centimes vor ein paar Tagen.
Mit mir sieht der alte Junge wie ´ne Vogelscheuche aus.

Bin ein schwarzer Samtzylinder.
Jetzt verhöhnen mich die Kinder.
Häng ihm schief und wacklig auf den Ohrn.
Mein Geheimnis ahnt ja keiner,
doch seit kurzem weiß es einer:
Hab die Zauberkraft noch nicht verlorn!

Kaum sitzt er verfroren im Elendsquartier,
nimmt er mich vom Schädel und schuppert an mir.

Eine kuschelweiche Decke aus dem Fell von acht Kaninchen,
sieben zart gegrillte Täubchen geb ich meinem Freund heraus.
Und neun Gläser Beaujolais, statt der geschälten Apfelsinchen.
Dann kommt Hitze in die Knochen, und dann strahlt das alte Haus.

„Dass ich diesen Tag erlebe!“, sagt er jedesmal und küsst mich,
schmettert „O clair de la lune!“, und dann schnarcht er leicht besternt.
Eh´ er aufwacht, lass ich alles schnell verschwinden in mir drinnen.
Bin ein schwarzer Samtzylinder, hab die Tricks noch nicht verlernt.

Bin ein schwarzer Samtzylinder. Seht, dort tanzen unterdessen
Ha, jetzt sperrt ihr´s Maul auf, Kinder! Polizei und Politessen,
Wer spielt mit? Jetzt wird Musik gemacht! Bahnen stoppen, Autos stehen still!
Lasst die Mundposaunen klingen! Mütter machen Kinder munter,
Lasst es prasseln, schmettern, swingen, bringen Shakes und Kuchen runter.
dass es Sterne schneit in dieser Nacht! Alles feiert mit, weil ich es will!

Da steht sie, vom Duschen noch nass
vor mir, ihrem Spiegel im Bad.
Wieder trifft mich ihr Blick voller Hass,
sie findet ihr Spiegelbild fad.
Oft hat sie mit feindlichem Blick
die Flecken betrachtet am Kinn,
fand Hüften und Beine zu dick.
Grad dort, meint sie, guckt jeder hin!

Was hat sie nicht alles versucht:
Gehungert, sich geschminkt und frisiert.
Am Ende mich immer verflucht,
geheult und die Schminke verschmiert.
Ich kenn ihren Schalk im Genick.
Ihr Lachen erfüllte das Haus.
Ich weiß, sie hat Sterne im Blick,
doch kaum sieht sie mich, gehen die aus.

Ich bin im Betrachten geübt,
hab allzugern Frauen beäugt.
Doch das macht einen Spiegel betrübt,
wenn er nichts als Kummer erzeugt.
Wie gern spräche ich jetzt zu ihr,
wie schön ich sie immer schon fand.
Ihr Mund: Ein geschmeidiges Tier.
Ihr Körper: Ein herrliches Land.

Ihr Blick: Wie ein Feuer im Schnee.
Ihr Antlitz: Ein Garten, bewohnt
von wilden Narzissen und Klee.
Die Tränen: Zwei Wolken im Mond.
Ich bitte dich: Schau richtig hin!
Entdecke den Zauber, die Pracht!
Auch wenn ich ein Spiegel nur bin,
der nichts, als ein Spiegelbild macht.

Refr.:
Lieber, guter Kinomann,
bitte schalt mich noch mal an!
Ich will jetzt den Kriegsfilm rückwärts projezieren!
Nur wir zwei, kein Publikum,
die Welt dreht sich verkehrt herum.
Ich kann Wunder über Wunder fabrizieren!

In die Friedhofsruhe kommt allmählich Leben.
Tote Krieger, die sich aus dem Schlamm erheben.
Abgeriss´ne Glieder fügen sich schon wieder
heil zusammen, werden Jungs, die heimwärts streben.

Auf dem Bauch sieht man die Kämpfer heimwärts rutschen,
sieht Geschosse, die in Panzerrohre flutschen.
Da und dort Soldaten fangen Handgranaten,
schaun zum Himmel, sehnen sich so sehr nach Muttchen.

Refr.:
Lieber, guter Kinomann …

Du siehst Trümmerhaufen sich im Rauch bewegen,
wie sich Brocken, Steine aufeinander legen.
Ganze Häuserzeilen wachsen und verheilen.
Ein Geschwader saugt ihn auf, den Bombenregen.

Wieder jubeln an den Straßenrändern Leute,
doch die Jungs marschieren endlich rückwärts heute.
Winken voll Vergnügen aus den Güterzügen,
fall´n den Müttern um den Hals und Knutschen Bräute.

Refr.:
Lieber, guter Kinomann …

Tauschen Uniformen ein in hübsche Sachen,
fahren Rad, natürlich rückwärts, flirten, lachen.
Helfen auf den Feldern, streiten mit den Eltern,
werden Kinder, die die Hausaufgaben machen.

Tragen Zuckertüten, klettern bald in Wiegen,
wo die Schnuller ganz von selbst ins Mäulchen fliegen.
Ihre Mütter tragen sie nach ein paar Tagen
wieder unterm Herzen, wo sie sicher liegen.

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