Gerhard Schöne: Lieder

BuschFunk, 1993

Titelliste

  1. Dann öffne ich meine Arme
  2. Festmahl
  3. Fragen
  4. Wer wird über Charlie Chaplin lachen
  5. Jeder Tag ist gezählt
  6. Unterm Dach
  7. Die Alte auf der Schaukel
  8. Fern und nah
  9. Ganz einfach
  10. Wellensittiche und Spatzen
  11. Bruder Judas
  12. Lebendig tot
  13. Jesu meine Freude
  14. Spar deinen Wein

Liedtexte

Wieder auf Reisen.
Du fragst oft nach mir.
Ich telefonier`
noch vorm Zubettgehn mit dir.
Freu` mich auf den Moment,
wenn ich steh` in der Tür,
und du läufst mir jauchzend entgegen.
Wenn du Angst hast kommst du
noch auf meinen Schoß.
Manchmal ruft`s aus den Zweigen:
`Guck mal, ich bin groß!
Papa, komm, fang` mich auf!`
Du springst mutig los.
Und dann öffne ich meine Arme.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!

Hast du mit dem Skateboard
so`n armes Auto gerammt.
Hat der Straßenasphalt dir
die Knie zerschrammt.
Oder hat dich die Freundin
beschimpft und verdammt,
läufst du heulend mir entgegen.
Manchmal tanzt du auf den Nerven
wie ein Trampeltier.
Und ich rede, weil ich Wut hab`,
nicht ein Wort mit dir.
Kleinlaut kommst du und bettelst:
`Sei wieder lieb zu mir!´
Ja, dann öffne ich meine Arme.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!

Glück und Kummer zu teilen,
wie genieß` ich das.
Gäb`s mit dir keinen Ärger,
ich vermißte etwas.
Einmal kommt der Moment,
wenn du sagst: `Nun laß
mich schon los. Ich kann selbst fliegen!´
Oh, dann drück ich dich
noch einmal geschwind.
Hol` tief Luft und geb dir
ganz viel Rückenwind.
Leise werde ich beten:
`Gott behüt mein Kind!´
Und dann öffne ich meine Arme.
Ja, dann öffne ich meine Arme für dich!

Haben Sie schon mal ein Schwein erschlagen?
Oder lassen Sie das machen?
Wie oft etwa sind Sie schon fremd gegangen?
Waren Sie schon einmal glücklich?
Hab`n Sie Angst vor Hunden oder Menschen
oder etwa Kugelblitzen?
Macht es Ihnen etwas aus, im Warteraum
des Hautarztes zu sitzen?

Ref. Fragen, Fragen, Fragen …
Wo sitzt das Unbehagen?
Geht\’s schon um Kopf und Kragen?
Fragen, Fragen.

Trauen Sie noch mehr Ihrem eignen Herzen?
Oder trauen Sie Experten?
Lassen Sie beim Küssen die Augen offen?
Oder ist Ihnen das peinlich?
Glauben Sie, daß Ihre Eltern
immerzu so bleiben, wie sie sind?
Möchten Sie sich selbst verändern?
Nähmen Sie dann Rücksicht auf Ihr Kind?

Fragen, Fragen, Fragen …

Denken Sie oft, Sie würden was verpassen?
Kriegen Sie noch rote Ohren?
Können Sie denn \’Ich liebe Dich!\‘ noch sagen?
Finden Sie das abgedroschen?
Würden Sie mich als Gymnastiklehrer
Ihrer Tochter akzeptieren?
Würden Sie sich vorher über meinen
Lebenswandel informieren?

Fragen, Fragen, Fragen …

Worauf können Sie jetzt sofort verzichten?
Was ist Ihnen vielleicht heilig?
Würden Sie gern mit Ihrem Enkel tauschen?
Wie heißt Ihre kleine Hoffnung?
Würden Sie gern Ihren Lebenslauf
an ein paar Stellen korrigier`n?
Konnte ich mit einer Frage
irgendeinen wunden Punkt berühr`n?

Wer wird über Charlie Chaplin lachen,
ist die Erde ein Stück Dreck im All?
Wer kann sich dann noch Gedanken machen,
wie es einmal kam zu diesem Fall?

Wer vernimmt die grauenhafte Stille,
wenn kein Laut mehr aus den Häusern dringt?
Wenn kein Hund mehr anschlägt, wenn die Grille
niemals wieder in den Gräsern singt?

Was wird aus den großen Menschenwerken?
Was wird aus dem Meer, wenn es verdirbt?
Werden es die Steine denn bemerken,
wenn das letzte bißchen Leben stirbt?

Wer wird wohl das Amsellied vermissen?
Wer betrachtet dann das Himmelszelt?
Wer wird etwas von den Träumen wissen,
die nicht mehr reifen konnten auf der Welt?

Wer vermißt die Schluchten und die Wälder?
Wer beweint die Quellen und die Seen?
Sanfte Hügel, Sonnenblumenfelder,
Blühen, Wachsen, Reifen und vergehn?

Über wen solln dann die Engel wachen?
Und wer spricht mit Gott dann im Gebet?
Wer soll über Charlie Chaplin lachen,
wenn die Erde wirklich untergeht?

Ref. Das ist mein Zimmer unter dem Dach.
Da singt manchmal der Wind, hält der Regen mich wach.
Du wirst mit der Liebsten von Mondlicht bedeckt
und früh von den Spatzen und Tauben geweckt.

Ausgetretne Stufen führn dich bis zur Tür,
von Namensschildern vernarbt, keiner wohnt lange hier.
Das Klo halbe Treppe, das Wasser im Flur,
der Komfort dieser Bleibe ist andrer Natur:

Der Korb mit dem Tee und den Gläsern darin,
das Brett voller Zettel und Fotografien,
der Balken mit Nagel und Handtuch daran,
die Stifte, der Pinsel, der Strauß Löwenzahn.

Das ist mein Zimmer…

Am Abend, wenn`s schwül wird, fliehn wir das Gemach
und steigen durchs Fenster hinaus auf das Dach.
Dann schauen wir nach unserm Dachkräuterbeet.
In der Dachrinne haben wir Schnittlauch gesät

Da sitzen wir manchmal und spielen eins auf,
vom Fluß klingt das Tuten der Schlepper herauf.
Am Güterbahnhof werden Züge rangiert.
Ein Alter führt seinen Hund durchs Geviert.

Das ist mein Zimmer…

Die hölzernen Dielen, die sprechen zu dir,
in den Schränken riecht man noch das Mottenpapier.
Vaters alte Maschine tippt immer noch treu,
Auch das Bett hat Geschichte, nur das Laken ist neu.

Das duft` hier nach Tabak und manchmal nach Wein.
Dieses Zimmer kann Zuflucht und Arbeitsplatz sein.
Die zwei schrägen Wände, ein bergendes Zelt.
Das Fenster zum Himmel, die Türe zur Welt.

Setz dich zu mir, Bruder Judas.
Nimm vom Hals das Seil!
Wisch die Tränen von den Wangen.
`s ist genug kaputt gegangen
und wird nicht mehr heil.

Mißtraun hast du wie ein Unkraut
zwischen uns gestreut.
Jugend aus dem Land getrieben,
eingelocht und aufgerieben,
viele gute Leut\‘.

Schriebst ins Klassenbuch Notizen
über jedes Kind.
Lehrtest mit zwei Zungen reden,
petzen, heucheln, leise treten,
`s Mäntelchen im Wind.

Trankst als einer meiner Freunde
Brüderschaft mit mir.
Hast in meiner Post gelesen,
hinterm Telefon gesessen,
gingst durch meine Tür.

Dann verfaßtest du Berichte,
knüpftest einen Strick.
daraus wuchs ein Netz von Schlingen.
Manchen, die sich drin verfingen,
brach es das Genick.

Und ich war auch dein Komplize.
Gab dir lange Zeit
durch mein Schweigen und mein
Dulden,
eines jeden Mitverschulden,
solche Sicherheit.

Dich hat der Verrat zerfressen.
Freundschaft ist ein Hohn.
Die Gedanken sind verdorben,
dein Gewissen fast gestorben
für den Silberlohn.

Da, da, da…

Schutzlos stehst du jetzt am Pranger.
man darf dich bespein.
Die sonst nie den Mund auftaten,
niemals aus dem Schatten traten,
werfen ihren Stein.

Nimm ein heißes Bad und schrubb` dich!
Bist noch lang nicht rein.
Lern bereun, ich lern vergeben,
müssen doch zusammen leben.
Judas, Brüderlein.

Komposition: David Plüss

Eine Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst einige HTML-Tags verwenden.

<a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>