Gerhard Schöne: Seltsame Heilige

BuschFunk, 1997

Titelliste

  1. Klabüster, Klabuster
  2. Die List des Roger Jones
  3. Nach langer Zeit
  4. Die couragierte Frau
  5. Zorros verwegene Schar
  6. Die Mundharmonika
  7. Brief von Devi
  8. Mein Traumjunges
  9. Tresnjevac
  10. Monsieur Claude
  11. Der Pilger
  12. Kein Geld dem Militär
  13. Tante Hanna
  14. Elzear Bouffier
  15. Die Nase
  16. Das was aus der Seele kommt
  17. Meine Geschwister

Besetzung

  • Gerhard Schöne: voc
  • Karl- Heinz- Saleh: voc, git, bass
  • Cathrin Pfeifer: acc
  • Karola Elßner: sax
  • Jan Hermerschmidt: bcl, cl

Liedtexte

Klabüster, Klabuster,
die ganze Welt ist duster.
Drum wär\‘ ich so gerne
\’ne leuchtende Laterne
und strahlte dir mein Licht
ins liebe Angesicht.

Klabonster, Klabenster,
wer Angst hat, sieht Gespenster,
fängt an, sich zu versichern,
kann nicht mehr herzleicht kichern,
glaubt jeden Augenblick,
ihm droht sein Mißgeschick.

Klabimmel, Klabommel,
mein Herz ist eine Trommel.
Wenn ich zu lange schweige,
den Kummer keinem zeige,
läßt `es mir keine Ruh
und trommelt immerzu.

Klabucker, Klabocker,
mir sind paar Schräubchen locker.
Ich weise die Gedanken
nicht gerne in die Schranken.
Sie soll`n auf Reisen geh\’n,
nach neuen Ufern seh\’n.

Klabister, Klabaster,
wer stirbt, braucht keinen Zaster,
der braucht zu seiner Ruhe
nur abgelaufne Schuhe,
und wenn das Auge bricht
ein Mantel ganz aus Licht.

He, stell dir vor, du fährst S-Bahn. Da sagt ´ne Stimme ganz deutlich:
Der Sitz ist etwas lädiert. „Sie gucken wohl weg?
Du guckst durch dreckige Scheiben, Sie bleiben so ruhig?!“
mit Filzstift beschmiert. `ne Frau steht da und fragt weiter:
Die üblichen Sprüche: „Hat das hier niemand gesehn?
„Stoppt Tierversuche, nehmt Juden!“ Wolln sie sich daran gewöhnen?
„Ali go home“ und so´n Dreck. Lassen sie so was stehn?

Oder wolln wir´s wegwischen?“

Refr.:
Und dann greift sie in die Tasche,
reicht dir´n Lappen und ´ne Flasche
und holt einen scharfen Schaber raus.
Ihr putzt los, die Leute stieren,
fangen an zu diskutieren.
Schließlich sagt sie: “Danke!“ und steigt aus.

Die Frau, die du da erlebt hast, Sie kann nicht kapiern,
ist von Beruf Lehrerin. wie viele das schlucken.
Was andere schon übersehen, Und jeden Tag nach der Arbeit
das nimmt sie nicht hin rafft sie sich noch einmal auf
und machts wieder sauber. und inspiziert Häuserwände,
Die ganze geistige Scheiße, nimmt Gefahren in Kauf.
die junge Nazis verschmiern, Manchmal wird’s brenzlich.
die stinkt ihr doch zu gewaltig.

Refr.:
Hakenkreuze, Nazisprüche,
Juden-, Türken-, Negerflüche
wischt und kratzt und schrubbt sie gründlich weg.
Wird belächelt und beleidigt,
angegriffen. Sie beseitigt
unbeeindruckt weiter diesen Dreck.

Sie hört, das sei doch vergeblich, stün-ist er halbwegs heil
de morgen eh wieder dran, und nicht schon völlig versteinert.
ein Fall von Selbstüberschätzung …. Der wird´s zu Hause erzählen,
Doch sie glaubt daran, wird diskutieren bei Tisch.
dass es einen Sinn hat. Beim nächsten Hakenkreuz denkt er:
Denn wer sie sah auf dem Bahnhof, Ob ich es wegwisch?
wer mit ihr fuhr im Abteil, Oder stell ich mich scheintot?
fängt irgendwie an zu grübeln,

Refr.:
Danke, Gott, es gibt auf Erden
Menschen, die zum Anstoß werden,
die mich zwingend fragen: Bleib ich lau?
Oder wird ich endlich brennen,
mich mit Haut und Haar bekennen,
so wie diese couragierte Frau.

Mein Traumjunges war mal ein mutiges Kind.
Jetzt traut es sich kaum noch hinaus.
Es scheint sich zu schämen, versteckt sich im Spind,
sieht blass wie ein Heuschnupfen aus.

Oft flog es hinauf auf das Dach.
Es sang mich im Morgengrauen wach.
Jetzt gähnt es nur müd,
jetzt vergisst es sein Lied,
jetzt liegt es den ganzen Tag flach.

Mein Traumjunges hielt die Hoffnungen wach.
Es traute den Menschen was zu.
Es boxte mich sanft in die Rippen und sprach:
Versuch es doch! Wer, wenn nicht du!

Doch weil dauernd irgendwer rief:
Vergiss es! Mann, bist du naiv!
Nur Grinsen und lästern:
Du bist ja von gestern!
Drum hängt ihm das Köpfchen so tief.

Mein Traumjunges will nicht der Trottel mehr sein.
Es lümmelt sich faul in den Stuhl.
Gibt sich abgeklärt und lacht so gemein,
macht Witze, sagt ständig: Bleib cool!

Wo bist du, mein Traumtier, mein Licht,
mein leuchtender Stern im Gesicht?
Fühl mich so allein,
ohne Traum geh ich ein!
Mein Traumjunges, hörst du mich nicht?!

Lehrer bombardieren Kinder. Bäcker feuern wild umher.
Aus den netten Jungs der Nachbarn werden Vergewaltiger.
Der Krieg verwüstet Land und Menschen, und kein Ende ist in Sicht.
Nur ganz einzeln, ganz gefährdet, da und dort ein Hoffnungslicht:

Ref.: (Wie dieses) Tresnevac, Tresnevac, Dörfchen im Norden.
Widerstand und Phantasie gegen das Morden.

Eines Morgens trug die Postfrau 200 graue Karten aus,
von der Militärbehörde. Entsetzen ging von Haus zu Haus.
Reserveübung stand geschrieben. Befehl zum Morden war gemeint.
Abends, dichtgedrängt im Dorfclub hat alle die Idee vereint:

Jetzt gemeinsam Nein! zu sagen. Nein! trotz aller Drohgebarn.
Weiter Kinder unterrichten, Brötchen backen, Traktor fahrn.
Einfach nicht Gehorsam leisten. Einfach nicht zum Krieg zu gehn.
Fest entschlossen, miteinander was auch komme durchzustehn!

Tresnevac, Tresnevac, …

Zweiundneunzig Panzer standen um das Dörfchen schußbereit.
Doch die Tresnevacer blieben unbeirrt die ganze Zeit.
Zum Friedenscamp wurde die Kneipe. Die Panzer zogen sich zurück.
Bald erklärte sich das Fleckchen kühn zur geistigen Republik.

Zur Verbindung aller Menschen, die den Frieden wollen. Jetzt.
Haben ihre eigne Verfassung in der Kneipe aufgesetzt.
Indem Wappen: Billardkugeln, für ihr friedliches Modell.
Ihre Hymne, leis beginnend, der Bolero von Ravel.

Tresnevac, Tresnevac, …

Der Bolero bleibt nicht leise, sagt der Dorflehrer ganz schlicht.
Auch wenn sie uns isolieren, unser Traum stirbt davon nicht!
Er wird andre infizieren. So ein Traum braucht seine Zeit.
Vorerst zeigen alle Sender nur die Ausweglosigkeit.

Lehrer bombardieren Kinder. Bäcker feuern wild umher.
Aus den netten Jungs der Nachbarn werden Vergewaltiger.
Der Krieg verwüstet Land und Menschen, und kein Ende ist in Sicht.
Nur ganz einzeln, ganz gefährdet, da und dort ein Hoffnungslicht:

(Wie dieses) Tresnevac, Tresnevac, …

Er kommt von Compostella,
vom Grab des heil´gen Jakob,
geht heimwärts nach Madrid.
Der Mann ist Mitte dreißig,
hat tätowierte Arme,
das lange Haar verschwitzt.
Paar hundert Kilometer
zu Fuß die Pilgerwege,
hat nur ´nen Beutel mit.

Als die Frau vor vielen Wochen starb,
hat er es ihr versprochen.
Jetzt löst er es ein.
Seine Kumpels werden lachen:
Alter, was machst du für Sachen?!
Willst wohl ´nen Heil´genschein?

Er war immer Rangierer.
Dann hab´n sie ihn gefeuert.
Dann starb an Krebs die Frau.
Er ließ sich gehen, versackte,
lag Mama auf der Tasche,
war vormittags schon blau.
Die Mutter hat gebetet,
geschimpft und ihn verachtet.
Er wurde fett und grau.

Als er eines morgens leise sprach:
Ich geh auf Pilgerreise!,
hat sie nur gelacht;
weil er zu viel Schnaps im Blut hat
und sonst nix mit Gott am Hut hat.
Doch er hat´s wahr gemacht.

Er hat von jedem Kloster
paar Karten in der Tasche.
Die bringt er Mama mit.
´s ist nicht der Stolz alleine
und nicht nur das Versprechen,
es ist bei jedem Schritt:
Die Zeit – sich zu erinnern,
mal Leichtigkeit, mal Trauer
und das, was ihm entglitt.

Und er lernt: Die Meisten wissen nicht,
wie schmackhaft so ein Bissen
trock´nes Brot sein kann.
Schwarztee, eine Zigarette, eine
trock´ne Ruhestätte
nimmt er dankbar an.

Er mag die Mittagshitze,
die Kühle in der Kirche,
die alten Liturgien,
die er zwar nicht versteht.
Die Würde schlichter Leute,
die ihm ein Bett anbieten,
ihm einen Tee aufbrühen
und segnen, wenn er geht.
Bei schönem Wetter liegt er
nachts draußen unter Sternen,
beäugt von scheuen Füchsen.
Sein Atem, ein Gebet.

Er weiß selbst nicht, was er suchte;
jedenfalls ist der verfluchte
„innere Schweinehund“
nicht mehr willenlos und träge.
Er spürt täglich auf dem Wege
unter´n Füßen Grund.

Eine Wut stieg empor,
wenn sie mir mit dem Trimmer
die Haare kurz schor.
Und dann noch dieser Satz:
„Siehst zum Anbeißen süß aus! ´ne
Markfünfzig, mein Schatz!“
Außer mir kamen hier alte Leute nur vor.
Die hab´n ständig erzählt,
und sie war immer Ohr!

Tante Hanna, Tante Hanna.
Diese spirlige Frau
kannte jeden genau. Tante Hanna.

Ja, Herr Seibt, nur rasier´n.
Wolln sie nicht mal die Haare ein bisschen frisier
´n?
Schau´n sie mal ins Journal.
Da gibt’s so hübsche Schnitte –
versuchen sie´s mal.
Ja, ich weiß, ihre Frau ist schon drei Jahre tot.
Ach, den rostigen Dampfer,
den kriegen wir flott!

Tante Hanna, Tante Hanna
Schweißte mit Föhn und Kamm
Müde Ritter zusamm´. Tante Hanna.

Noch zu warm? Ist´s so recht?
Was, Frau Klemm, ihrem Schatz
geht´s schon wieder so schlecht?
Häufchen macht´s? Und Urin?
Also Schwedentinktur ist ja die Medizin!
Als mein Hund Würmer hatte, da half das
Zeug prompt.
Hoffen wir, dass er bald wieder
auf die Beine kommt!

Tante Hanna, Tante Hanna.
Krankheit, Klatsch, Liebesnot
war´n ihr tägliches Brot. Tante Hanna.

Dunkelbraun steht ihnen sehr!
Sie seh´n blass aus!
Was heißt das;
sie wollen nicht mehr?!
Ich hab sie in den Jahr´n
immer heimlich bewundert,
wie tapfer sie war´n.
Erst der Krebs, dann der Säufer,
dann der graue Star.
Doch ab heute nicht ein einziges
weißgraues Haar!

Tante Hanna, Tante Hanna
rief mit bisschen Geschick
Lebensgeister zurück. Tante Hanna.

Sie fiel nie auf die Knie.
Aber kaum eine Nonne
hat gebetet wie sie.
Immerzu, bis zuletzt,
war fast ständig die Leitung
zum Höchsten besetzt:
Schenk Herrn Seibt eine Frau
oder sonst einen Sinn.
Heil den Hund von Frau Klemm.
Schau, sie hat ja nur ihn.
Hol Frau Seliger zu dir.
Sie kann doch nicht mehr.
Und erlass meinem Gerhard
den Gang zum Friseur!

Tante Hanna. Tante Hanna.
Tante Hanna.

Zuerst war da die Nase … dann Augen erst und Ohrn …
die Hände zum Betasten … doch die Nase immer vorn.
Der süße Duft nach Mama! Das rote Gummituch,
das unter seinem Laken lag, ein wohliger Geruch.

Wie gern ging er als Junge zum warmen Rinderstall.
Im Stroh dabei zu liegen, sich an das Kalb zu schmiegen,
die Nase überall.
Der Holzbottich beim Mosten, das Heu, das Federvieh,
die Fütterung der Tiere, Baumwachs und Wagenschmiere:
Eine Nasensymphonie!

Der Walnussbaum im Garten mir seinem herben Duft!
Die Laubfeuer im Herbst und dann die dünne Winterluft …
Erinnerungen kommen so oft durch den Geruch.
Er schnüffelt nur, schon öffnet sich das reinste Bilderbuch!

Manchmal trocknet er die Schalen einer Frucht, bückt sich nach Moos,
kommt mit Hölzern, Ziegenhaaren, Rinden, Wurzeln – und nach Jahren
ist die Sammlung riesengroß.
Dann in einer Sternenstunde lädt ein Parfümeur ihn ein.
Aus Regalen und Schatullen holt der Mann siebzig Ampullen
Duftessenzen pur und rein.

Diese Öle darf er haben. Sie soll´n neuer Grundstock sein
für sein Duftuniversum, doch noch ist er recht allein.
Kaum jemand teilt die Freude an seiner „Osmothek“.
Man hält ihn für ´nen Spinner und geht freundlich aus dem Weg.

Er besucht ein Heim für Blinde, breitet seine Sammlung aus.
Diese vorsichtigen Leute zeigen Staunen, zeigen Freude,
gehen ganz aus sich heraus.
Müd, verschlossene Gesichter öffnen sich und sind hellwach.
Da ein Duft, den sie benennen! Atmen ein, was sie nicht kennen,
sinnen lang Vergessenem nach …

Er soll bitte wiederkommen! Er hat sie so tief erfreut!
Das ist nun dreizehn Jahre her und dauert fort bis heut.
Mit seiner Arche Noah der Düfte reist er oft
zu Menschen, die bereit sind für … ein Wunder – unverhofft!

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