Als die Sonne noch ein Clown war PANNACH & KUNERT. Nach der Biermann-Ausbürgerung vor 35 Jahren fegte die SED mit dem eisernen Besen durch die Kulturlandschaft. Die ersten Opfer waren zwei Liedermacher aus Sachsen.

von Steffen Könau, Mitteldeutsche Zeitung

Unterschriften reichen nicht, da sind sich Gerulf Pannach und Christian Kunert vor 35 Jahren einig. Natürlich hat das Liedermacherduo aus Sachsen gleich nach der Ausbürgerung des prominenten Kollegen Wolf Biermann das Protestschreiben unterzeichnet, das von Schriftstellern um Jurek Becker und Stefan Heym entworfen worden war.

Mit einer „Bitte an die Regierung“, wie der Brief überschrieben ist, scheint es den beiden Männern, deren erfolgreiche Gruppe Renft ein Jahr zuvor von Amts wegen aufgelöst worden war, nicht getan. Gern würden sie. Nur was. Pannach („Apfeltraum“) und Kunert („Wer die Rose ehrt“) sind schon mit Auftrittsverbot belegt. Beide können nur noch in ganz kleinem Kreis Lieder mit Zeilen singen wie „Wir brauchen keine Kandare/Freiheit heißt die Ware/ nach der wir Schlange stehn.“

Und nach der „Ausschaltung des Feindes Biermann“ (MfS) sieht die Politbürokratie die Zeit gekommen, im Lande richtig aufzuräumen. Gerulf Pannach, in der Nähe von Dresden geboren und nach Stationen als Jurastudent und Kulturreferent in die staatskritischen Kreise um Robert Havemann und Jürgen Fuchs geraten, steht ganz oben auf der Liste. Christian Kunert, als Sänger und Keyboarder bei Renft treibende Kraft hinter der Wandlung der Band vom Weltfestspiel- Orchester zur Manufaktur für kritische Lieder wie „Glaubensfragen“, ist ebenso verdächtig.

Fünf Tage nach Beginn der Biermann- Affäre sind Pannach und Kunert unterwegs zum Berliner Alexanderplatz. Die Stasi, die beide seit ihrer Ankunft im Hause des Regimekritikers Havemann beobachtet, will öffentlichen Protest verhindern. An der S-Bahn werden die Musiker festgenommen und ins Stasi-Hauptquartier geschafft. Hier beginnen Verhöre, ohne Anwalt, ohne Tatvorwurf. Schließlich lautet die Anklage auf „Verdacht der Asozialität“ und „staatsfeindliche Hetze.“ Zur gleichen Zeit schlägt das MfS auch an anderen Orten zu. Mehr als 40 Menschen werden verhaftet, eine Einschüchterungs- und Ausräucherungstrategie wird angewandt, um den zarten Versuchen der Öffnung, die am Anfang der Amtszeit von Erich Honecker standen, ein Ende zu setzen. Die harten Staatsfeinde sollen ausgemerzt werden. Ihr Beispiel soll Nachahmer abschrecken.

Im Fall von Gerulf Pannach und Christian Kunert führt denn auch keinWeg mehr nach Hause, zurück nach Leipzig. Ein Dreivierteljahr sitzen sie in Haft. Dann werden sie in den Westen abgeschoben. Freiwillig, wie die DDR-Seite behauptet. Christian Kunert stimmt zu: „Es war, als ob sie einen fragen, wollen Sie gevierteilt werden oder geköpft? Und wenn man geköpft sagt, heißt es, auf eigenen Wunsch geköpft“. Ohne Kopf aber wird es auch drüben nicht leichter. Das entwurzelte Duo fremdelt mit den fremden Problemen, wie auch das eben wiederveröffentliche Debütalbum in alten Liedern und erstmals veröffentlichten Filmsequenzen auf DVD zeigt. Die wunderbare Ballade „Sonne wie ein Clown“, längst eine Lagerfeuerklassiker, ist ganz nah am Leben. Im Osten. „Arbeitszeit schreit die Sirene“, heißt es da, und der Sänger wünscht sich, eine Sonne bauen zu können, „die nur Fröhlichkeit sät / wie ein Clown“. In der DDR ist das Lied verboten, weil der „politisch unzuverlässige“ Bob Dylan erwähnt wird. Im Westen kopfschüttelt der Hörer nur.

Christian Kunert und Gerulf Pannach haben keinen Grund zur Klage. Kaum aus der Haft entlassen, wartet eine große Firma im Westen. „Normalerweise hat man geile Songs und sucht dann einen Plattenvertrag“, erinnert sich Christian Kunert, „wir hatten einen Vertrag und suchten Songs“. Denn die „tollen Nummern“ (Kunert), die in der DDR für so viel Aufregung sorgten, „gehörten irgendwie nicht hierher“. Wer würde in Köln schon jubeln, wenn vom FDJ-Funktionär die Rede ist, dessen wahres Antlitz man erst sieht, wenn man man ihm „die roten Hosen herunterzieht“?

Die Songs finden sich am Ende. Doch die Karriere der Grenzgänger ist vorüber, ehe sie begonnen hat. Zu hoch sind die Mauern, zu verschieden die Sprachen. „Ob im Osten oder Westen / wo man ist, ist’s nie am besten“, wird Gerulf Pannach später dichten. Die Sonne ist kein Clown mehr. Und sie wird auch nie mehr einer werden.

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