Pannach und Kunert / Sonne wie ein Clown

von Steve Braun, Rocktimes

Kurz nachdem ich für diese Platte der deutschen Liedermacher Pannach und Kunert ‚den Finger gehoben‘ hatte war ich mir plötzlich unsicher, ob ich mir das zutraue: Eine Platte zweier Dissidenten, die aus der DDR usgebürgert wurden, kompetent zu besprechen. Vielleicht ist aber gerade diese Sicht eines ‚Wessis‘ -quasi von ‚außen‘ -auf diese beiden ehemaligen Renft-Mitglieder hilfreich…

Persönliche Rückblende -siebziger Jahre: Im Gegensatz zum Krautrock erreichte mich der Ostrock kaum. Bands wie Silly oder City rückten erst sehr viel später in meine musikalische Hemisphäre. Sicherlich hat das Abfärben einer erheblichen Engstirnigkeit der westdeutschen Linken eine Rolle gespielt und natürlich die politische Naivität eines Heranwachsenden.

Gerulf Pannach und Christian ‚Kuno‘ Kunert entstammen dem Dunstkreis der legendären Klaus Renft Combo -kurz Renft -die eine der bekanntesten und beliebtesten Rockgruppen der DDR war. Wegen ihrer regimekritischen Texte, die ab 1971 aus der Feder Pannachs stammten, wurde die Band in der meisten Zeit ihres Bestehens mit einem Auftritts- und Veröffentlichungsverbot belegt. Nachdem sie mit der „Rockballade vom kleinen Otto“ eine missglückte republikflucht thematisiert hatte, wurde Renft im Herbst 1975 verboten. Ein Jahr später wurde der Liedermacher Wolf Biermann während einer Konzertreise durch den ‚Westen‘ vom DDR-Regime kurzerhand ausgebürgert. Pannach und Kunert, die schon lange zu Biermanns Dunstkreis gehörten, wurden nach Protesten gegen die Ausbürgerung kurzzeitig verhaftet und im Folgenden von der Stasi observiert. Zu dieser Zeit entstanden mit dem Bürgerrechtler und Schriftsteller Jürgen Fuchs Aufnahmen, die auf abenteuerlichen Wegen nach Frankfurt/Main zur Plattenfirma CBS geschmuggelt und 1977 unter dem Titel „Für uns, die wir noch hoffen“ veröffentlicht wurden -mit ein Grund, warum die beiden im August 1977 gegen ihren Willen in die BRD abgeschoben wurden.

Wie so viele Rausgeschmissene taten sich Pannach und Kunert im ungeliebten Westen schwer. Kulturschock – sie waren ja überzeugte Sozialisten, sahen ihre Aufgabe darin, den Osten zu verändern. Im kapitalistischen Westen gab es nichts zu verändern -das System, zähflüssig und klebrig vom süßen Geld, belegte seinerzeit seine Gegner per ‚Radikalenerlass‘ kurzerhand mit Berufsverbot. Pannach und Kunert blickten zu Recht äußerst skeptisch in die Zukunft. Einen ersten Eindruck vom ‚System BRD‘ bekamen sie mit der o.g. Platte „Für uns, die wir noch hoffen“, im Westen während ihrer Haft erschienen und mit äußerst mäßigem Erfolg beschieden. Unter der Hand wurde ihnen gesteckt, dass sich die Scheibe ja so viel besser verkauft hätte, wenn sie länger im Knast geblieben wären. Auch das zweite Album, das hier unter dem neuen Titel „Sonne wie ein Clown“ komplett remastert neu aufgelegt und besprochen wird, war ein Flop. Pannach und Kunert warfen der CBS vor, nicht genug für die Promotion zu tun. Die CBS meinte dagegen -nicht zu Unrecht – die beiden würden sich nicht genug bemühen, vor neutralem Publikum zu spielen. In der kleinen musikalischen Nische, in der sich ehemalige DDR-Bürgerrechtler eingerichtet hatten, war man zudem politisch isoliert. Auch weil viele Linke mit romantisierenden Augen die DDR als ‚das bessere Deutschland‘ ansahen. Ihr Freund Wolf Biermann bringt dieses Dilemma auf der Bonus-DVD sehr gut auf den Punkt. Es hätte Pannach und Kunert an dem »lebendigen Stoffwechsel mit der Gesellschaft, in der sie leben« gefehlt. Nicht das Machen von Liedern, sondern im Westen zu leben, sei ihr Problem gewesen. Es sei ihnen nur schwer gelungen, im gesellschaftlichen Leben der BRD eine Rolle zu spielen. Warum hole ich derart weit aus? Ich denke, dass diese Zusammenhänge wichtig sind, „Sonne wie ein Clown“ -1978 unter dem schlichten Titel „Pannach und Kunert“ erschienen -zu verstehen und einzuschätzen.

Die Texte beschreiben zumeist den Alltag und die offenen wie subtilen Unterdrückungen in der DDR und machen deutlich, warum Pannach und Kunert hierzulande wie ‚Exoten‘ aufgenommen worden waren. Es bedurfte der friedlichen Revolution, damit ‚wir im Westen‘ wahrnehmen konnten, wie vielfältig und bunt die Kulturszene in der DDR war, weil diese eben im Untergrund blühen musste. So erfahren wir in dem wunderschönen Booklet dieses Doppeldeckers, dass der Titelsong eine alte Renft-Nummer ist, die wegen der Zeile »Eine Sonne die unter die Haut geht, wie die Stimme von Bob Dylan, etwas rau« verboten worden war. Die Nummer, die sich zum bekanntesten Song des Duos entwickeln sollte, ist mit einer Studioband zu einem richtig schönen Folk-Rocker ‚aufgebrezelt‘ worden. Wenn zum Schluss der studierte Organist ‚Kuno‘ Kunert in die Hammond haut, stellt sich sogar eine gehörige Gänsehaut ein. Das „Gefängnislied“ ist dagegen textlich wie musikalisch ganz auf Wolf Biermann getrimmt. Das Thema ‚Knast‘ wiederholt sich auf dieser Scheibe noch mehrfach in variierender Form: „Andonis“, ein Titel von Mikis Theodorakis, wird als Folksong -der „Mann aus Fuhlsbüttel“ [Fuhlsbüttel: legendärer Hamburger ‚Kahn‘] als Pianoballade interpretiert. „Wir sind nicht mehr wir selber“ und „Morgen in Moabit“ orientieren sich stark an der Nueva Canción Chilena, jener politischen Folklore, die im chilenischen Widerstand gegen die Faschisten musikalische Blüten trieb. „Es war okay“ ist vielleicht textlich am eindrucksvollsten, weil Pannach und Kunert hier interessante Parallelen zu den staatlichen Repressionen in beiden deutschen Staaten ziehen. In Berlin lebend, waren die beiden auch vom Problem der Armut („Kommst du heut‘ nach Berlin“) in einem der reichsten Länder der Erde offensichtlich schockiert. „Wie konnt‘ ich“ wird mittels einer Drehleier im Stil Ougenweides in mittelalterlichen Klängen präsentiert. Die Elton John -Nummer „Dann verfluch‘ nicht den Wind“ („Holiday Inn“) gefällt mir mit am besten: sehr still und nachdenklich im Text -musikalisch sehr behutsam und einfühlsam arrangiert.

Zwei Bonustracks sind dieser CD/DVD, vom ‚Sound-Guru‘ Eroc mal wieder in vortrefflicher Form remastert, beigefügt. „Der rote Karl“ in einer Langversion, die in ihrer ‚Knödeligkeit‘ durchaus mit dem Griesgram vergleichbar ist und eine richtig knackige Blues Rock-Version vom „Mann aus Fuhlsbüttel“, mit der Studioband eingespielt.

Als Paket betrachtet ist der Doppeldecker „Sonne wie ein Clown“ nahezu perfekt gelungen. Soundqualität, Bonustracks, die DVD, das richtig ‚fette‘ Booklet sind wie die gesamte Ausmachung schlichtweg überzeugend. Ein dickes Lob dafür geht an Buschfunk… und ein klarer Kauftipp obendrein!!

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