You Deserve My Art

von Fred Schmidtlein, Home of Rock

Wenn wir und andere Schmierfinken mit Genuss einen Veteranen nach dem anderen zerlegen, weil die Kreativseite längst zum Selbstplagiat verkommen ist, bleibt einer durchweg außen vor: Mitch Ryder. Zu groß ist der Respekt, den man dem Survivalkünstler aus Detroit zollt. Der Unterschied zu anderen noch immer geachteten Veteranen ist, dass sich Mitch Ryder diesen Respekt von Jahr zu Jahr neu erarbeitet und nicht nur alle heiligen Zeiten mit einem neuen Werk wie aus dem Jenseits auftaucht. Ryder geht jedes Jahr auf Tour und schreibt unablässig neue Songs, die er seit 2002 in feiner Regelmäßigkeit beim Berliner Label BuschFunk veröffentlicht. Dass er außerdem seit Jahren mit der ebenfalls aus Berlin kommenden Band ENGERLING um Boddi Bodag und Manne Pokrandt zusammenarbeitet, hat ihm nicht nur eine Weltklasseband sondern auch einen neuerlichen Popularitätsschub (in Deutschland) verschafft. ENGERLING sind natürlich längst über den Status einer Begleitband hinaus und sorgen live und im Studio für jene berühmte Ryder-Stimmung, die seit 40 Jahren in unterschiedlicher Intensität staunende Hörer hinterlässt. So wird es auch bei der neuen CD „You Deserve My Art“ und der am 31. Januar 2008 startenden Tour sein. Einen wesentlichen Unterschied zu den letzten Alben „The Acquitted Idiot“ und „A Dark Caucasian Blue“ gilt es jedoch mit Freude zu vermerken:

Mitch Ryder hat die songwriterische Leichtigkeit von z.B. „How I Spent My Vacation“ aus dem Jahr 1979 wieder gefunden. „You Deserve My Art“ ist kein Blues-Album, keine Abrechnung, keine Aufarbeitung und keine Ton gewordene Geschichte eines Schmerzensmannes. „You Deserve My Art“ ist eine Liedersammlung mit ganz unterschiedlichen Emotionen, aber in erster Linie eine Ausstellung positiver Schwingungen, die am Ende sogar zu einem fröhlichen, beinahe albernen Rock’n’Roll-Liedchen mit einem überhaupt nicht albernen Double-Lead-Gitarrensolo über seinen Computer geführt haben (Strollin‘ With My Mouse). Es kommt nicht oft vor, dass Ryder seinen sonst eher hintersinnigen Humor so offensiv demonstriert.

Man stellt fest, dass es Ryder im Herbst 2007 gut ging. Seine Stimme klingt entspannt, beißen kann sie natürlich noch immer wie kaum eine zweite. Dankbar muss man ihm sein, dass er zwei Songs eines gewissen Joziah Longo covert und diesen damit hoffentlich ein klein wenig bekannter macht. Longo firmiert als GANDALF MURPHY AND THE SLAMBOVIAN CIRCUS OF DREAMS und macht ganz außergewöhnlich schöne Roots-Musik, die in manchen Momenten an eine folkige Version von PINK FLOYD oder einen psychedelischen Bob Dylan erinnert. Bitte dringend bei MySpace.com antesten. Rocket und Moondog House gehören mit zum besten von Ryder je interpretierten Fremdmaterial und rocken herrlich sumpfig daher, was nicht zuletzt an Heiner Wittes Slidegitarre und Bodags Wurlitzer bzw. Orgel liegt.

Seine Kritik an der amerikanischen Jetztzeit liefert unser Mann mit The 21st Century ab. Wie könnte man das besser, als mit einem astreinen Rock & Roll, auch wenn der von jazzigen Tönen gebrochen wird – vielleicht war früher doch alles besser. Herausragendes Saxophon und wieder ein glänzendes Gitarrensolo. Im Anschluss gibt es im Blues All The Fools It Sees ein Cello zu bestaunen, Mitch Ryder hat eine neue Stufe erreicht und singt diesmal sogar mit der höchsten ihm möglichen Kopfstimme zu einer bewundernswerten Akustikgitarre von Gisbert Piatkowski. Den Vogel auf der ersten CD-Hälfte schießt aber eindeutig The Naked Truth ab. Auf die Eingebung eines solchen Songs wartet ein gewisser Herr Santana seit Jahren und „Carlos“ Piatkowski bietet auch gleich noch die passende Gitarrenschau. Unerhört, wie der alte Recke Ryder seinen Altersgenossen die Grenzen aufzeigt.

Der zweite Teil von „You Deserve My Art“ startet mit einem waschechten Cajun-Akkordeon und besticht einmal mehr mit der einfühlsamen Brillanz der Engerlinge. Man kann so viel Gefühl für Musik momentan bestenfalls drei deutschen Bands zuschreiben, wobei die dritte, Carl Carltons Combo nämlich, zum größten Teil aus Amerikanern besteht. Die andere ist unseren Lesern als Lieblingsband des Autors bekannt. Es gibt auch eher besinnliche Momente auf dieser CD, aber spätestens beim bereits erwähnten Moondog House bricht Ryders Wille zum saftigen Swamp-Rock wieder durch und es entsteht sogar am helllichten Tag ein Gefühl von Mitternacht in einem rauchigen Club. Dem widerspricht sogleich The Night The Devil Died mit relativ trocken gehaltenen Drums und einem sehr offen und hart gespieltem Gitarrensound, wenn da nicht auch die Orgel und des Meisters sensible Stimme wäre. Der Übergang zu Strollin‘ With My Mouse ist nahtlos und schlägt den letzten Nagel ins beste Ryder-Album seit vielen Jahren. Dabei waren die letzten auch schon ganz hervorragend.

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