Der Große aus dem Hintergrund. Danny Dziuk begeistert mit neuen und älteren Songs auf der Sommerwerft

von Norbert Krampf, FAZ

Wenn Danny Dziuk im Konzert zwischen seinen Liedern über deren Hintergründe erzählt oder gar weitläufige Blicke auf die Welt riskiert, sind Lacher garantiert. Er verteilt mehr oder weniger kräftige Sei- tenhiebe in viele Richtungen, läuft aber dank seiner gnadenlosen Selbstironie nie Gefahr, überheblich zu wirken. Bei allen klugen Späßen lässt Dziuk keinen Zwei- fel an seiner Ernsthaftigkeit.

Manche sarkastischen Spitzen, die er während seines bejubelten Auftritts im Beduinenzelt der Frankfurter Sommer- werft in die Runde wirft, wirken in ihrer Beiläufigkeit fast hinterlistig. Etwa als er Rio Reiser beschwört, zurückzukommen und zu schauen, wer heutzutage sein ehe- maliges Reich „verwest“. Oder wenn er das Stück „Ja, man darf (Demokratie)“, das um aufbegehrende Reaktionäre kreist, mit einem Klavier-Zitat von Aaron Coplands „Fanfare For The Common Man“ einleitet. Unverblümt bissig wird der Chronist in Abrechnungen mit der Hochfinanz und rechtsradikalen Anschlä- gen. Lyrischer erzählt er von den Verän- derungen in Berlin, wo der Poet und Musi- ker seit 1980 lebt.

Über rund drei Dekaden gehört Quer- denker Danny Dziuk nun schon zum Bes- ten, was die deutsche Szene im Bereich Liedermacher zu bieten hat. Seine erdige Musik wirkt mit vielfältiger Blues-, Folk- rock- und Chanson-Ästhetik nicht gerade hip, aber immerhin zeitlos. Dziuk spielt sehr gut Klavier, außerdem feine Pickings auf der akustischen Gitarre. Bei Platten- aufnahmen bedient er darüber hinaus alle Arten von Keyboards, Banjo, elektri- sche Gitarren und Bass. Seine etwas hei- sere, begrenzt voluminöse Rauhstimme wirkt wie eine Antithese zum heute omni- präsenten Soul-Ideal mit all seinem auf- dringlich gefühligen Pathos. Schon im ers- ten Drittel des Zelt-Auftritts schreit Dzi- uk einige Zeilen so ungebremst heraus, dass ihm seine Stimmbänder diesen rabia- ten Einsatz offenbar lange übelnehmen. Das Publikum freut’s trotzdem, lässt solch unkontrollierte Spontaneität doch ahnen, dass der aufrechte Troubadour kei- ne einstudierten Rollen spielt, sondern seine Songs auslebt. Zur Wohnzimmer- Atmosphäre passt auch, ein Stück vorzei- tig zu beenden oder exemplarisch nur eine Strophe zu spielen, um zu zeigen, wie es weitergehen könnte.

Womöglich bleibt Danny Dziuk, der demnächst schon seinen sechzigsten Ge- burtstag feiern kann, auf ewig ein Ge- heimtipp, einer der Großen im Hinter- grund. Unter dem Pseudonym Dany Deutschmark begann er Mitte der achtzi- ger Jahre seine Karriere, spielte als Key- boarder mit Albert Mangelsdorff, Guitar Crusher oder Klaus Lage und arbeitete gut 15 Jahre mit Stefan Stoppok, der bis heute manchen Dziuk-Song im Reper- toire hat. Ende der neunziger Jahre ent- stand die Band Dziuks Küche, ab 2002 sammelte er diverse Auszeichnungen, darunter Preise der Deutschen Schallplat- tenkritik und den Deutschen Musikauto- renpreis. Parallel dazu schrieb er Stücke für Wiglaf Droste oder Ulla Meinecke und komponierte Filmmusik. Auf Anfra- ge Annett Louisans lieferte er ihr seit 2010 einige Texte, bei Axel Prahls Debüt- platte „Blick aufs Meer“ wirkte Dziuk als Autor, Komponist, künstlerischer Leiter und Produzent.

Vor wenigen Wochen veröffentlichte Danny Dziuk ein neues eigenes Album, das den gar nicht sperrigen Titel „Wer auch immer, was auch immer, wo auch im- mer“ trägt. Für die herausragende Song- sammlung hat er neben Gitarrist und Pia- nist Karl Neukauf und Schlagzeuger Achim Färber diverse Gastmusiker ins Studio eingeladen. Ein Bläsersatz aus Trompete, Saxophon und Posaune oder eine Bratsche bereichert manche Arrange- ments, Prahl und Dota Kehr singen zuwei- len im Hintergrund. Thematisch reicht der Bogen von einer Berliner Straßensze- ne über hintersinnige bis scharf karikie- rende Songs rund um gesellschaftspoliti- sche Themen bis zu Reflexionen über Tourneealltag und die eigene nonkonfor- mistische Ausstrahlung. Zwischen trocke- nem Humor kommen auch Fragen, Zwei- fel und mulmige Ahnungen auf. Letztlich hält sich der intelligente Songpoet Danny Dziuk an eine von ihm zitierte Devise Churchills: „If you’re going through hell, keep going.“

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