FRECHE TATTOOS

von Manfred Horak, Kulturwoche - Austria

Mit dem geringmöglichsten Abstand landete Dziuks Küche mit „Freche Tattoos auf blutjungen Bankiers“ hinter „Sensationsstrom“ von Stoppok – Danny Dziuk wirkte auf diesem Album ebenfalls mit – auf Platz Zwei bei der Wertung zur CD des Jahres der Liederbestenliste Deutschland. Der Duisburger Songwriter zeigt hier erneut sein großes Potenzial große Melodien mit wertvollen Texten zu verknüpfen.

Der Filmemacher Jean Renoir meinte einmal, „Kunst wirkt indirekt wie Radar“, und genau diese „Funk-Erkennung und -Abstandsmessung“ [so die wissenschaftliche Definition; Anm.] findet man zuhauf in den Texten von Danny Dziuk, so wie man sie auch in den Texten von Rio Reiser, Tom Waits und Bob Dylan erkennen kann. Er ist ein Querdenker, ein Unbequemer, weiß mit Ironie umzugehen und politische Texte zu schreiben, die außerhalb eines Zeitrahmens stehen. Danny Dziuk ist Poet, sein künstlerisches Schaffen hat Relevanz.

In „Mein schönes Berlin“ singt Dziuk über „freche Tattoos auf blutjungen Bankiers“, und über die Freizeit-Anarchos – „da ist ganz bestimmt auch n künftiger Außenminister dabei“ – und ihm blutet das Herz wenn er singt, „Rio [Reiser; Anm.], wo bist du / come back, we all miss you / allein, dass du siehst, wer / dein Reich jetzt verwest“. Alleine an diesem Lied mit seinen acht Strophen darf man eigentlich nicht herum. Ein Lied als Speerspitze eines eindringlichen, intensiven Albums, das einem noch lange begleiten wird – der Winter jedenfalls ist gerettet. „Könnt ich werden, was ich will / ich wär das Wetter im April / jenseits von Vorhersehbarkeit / & auch von jeder blöden Zeit“, singt Danny Dziuk in „Zeit“, wo die poetische Philosophie der abgehangenen Eckkneipenbesucher eine neue Qualität erhält. Poetisch beginnt übrigens auch das Album mit dem Lied „Wanderschatten“, das Christof Stählins SAGO gewidmet ist [SAGO ist eine freie Schule für Lieder in deutscher Sprache mit Sitz in Mainz, und kümmert sich vor allem um die Texte der Lieder, weil es zwar viele musikalische, aber kaum sprachliche Ausbildungsmöglichkeiten im Lande gibt; Anm.] „Als die Sonne wie ein Riesen- / Feuerschiff im Meer versank / wurd der Schatten meiner Süßen / mehr als zwanzig Meter lang.“ Musikalisch bewegt sich Dziuk und seine Musikerfreunde ebenso sicher im breiten Feld des Songwriting-Genres, taucht in tiefste Melancholie ein, groovt durch „Phatt in Taiwan“ und rockt unanständig in „Der mit der Gitarre“. Die Schlüssellieder des Albums sind neben „Mein schönes Berlin“ das lyrisch-umwobene Weichen und der zornig-wuchtige Polit-Rocker „Halber Staat“ über den braunen Schlamm in der Gesellschaft mit all ihren „Hackfleischfressen“ mit „Erbsenhirngröße“: „Halber Staat, Randgebiet / Plattenbau – Horst Wessel Lied / Eins Eins Null [Polizei-Notruf in Deutschland; Anm.], wer war der Held? / Wer hat sich da seinen Sarg bestellt?“

Bewegende Klangwelten eines Ausnahmekünstlers aus Deutschland, dessen Album knapp hinter Sensationsstrom von Stoppok zum Album des Jahres der Liederbestenliste Deutschland gekürt wurde.

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