In der Suppe das Salz oder das Haar?

von Jens Sell, Märkische Oderzeitung

Manchmal hat er sich gefragt, was er war: In der Suppe das Salz oder das Haar – Gerhard Gundermann, der Liedermacher aus der Lausitz. In der Mittsommernacht 1998 starb er 43-jährig an zu intensivem Leben und Arbeiten. Doch mehr als fünf Jahre nach seinem Tod füllen die Lieder aus seinem 500 Stücke umfassenden Oeuvre immer noch hauptstädtische Säle, wie am Montag und Dienstag das BKA-Luftschloss auf dem Berliner Schlossplatz in Mitte.

Die Tübinger RandgruppenCombo hat mit diesem Doppelkonzert, ihrem vierten und fünften in Berlin, ihre Existenz beendet. Am Landestheater in Tübingen hatte ein Gundernann-Liederabend am 3. Oktober 2000 Premiere, zum zehnten Tag der deutschen Einheit. Der Chef des Kinder- und Jugendtheaters Heiner Kondschak (48) hatte Theatermusiker, Schauspieler und Regieassistenten, Verwaltungsleiter und Sekretärin zu einer semiprofessionellen Band zusammengestellt, um Gundermanns Lieder, die ihn auf einer Autofahrt „mitten ins Herz“ getroffen hatten, dem Tübinger Publikum nahe zu bringen.

Nach ihrem unerwartet großem Erfolg wagte die Truppe, die sich, von Gundi Gundermann inspiriert, Randgruppencombo nannte, den Sprung zu seinem Stammpublikum. Im Tränenpalast erzeugte sie im Mai 2001 Gänsehaut, beim Museumsinselfestival 2002 tobten Tausende mit. Nun also der Abschied mit zwei Auftritten im BKA-Luftschloss. Die Gastmusiker seien nicht mehr zu finanzieren, hieß es im Vorfeld zur Begründung. An mangelnden Erfolg kann es nicht gelegen haben. Vielleicht eher an den Gundi-orientiert moderaten Eintrittspreisen.

Auch mit ihrem letzten Auftritt ließen die acht Randgruppenmitglieder, zu denen sich Andreas Rogge mit Dudelsack und Schäferpfeife sowie Jens Naumilkat mit weiteren drei Cellisten gesellten, das Publi- kum erschauern. Kondschaks Arrangement bleiben kluger- und behutsamerweise sehr nah an den Gundermannschen Originalen, das Publikum dankt es mit hingebungsvollem Backgroundgesang und rückhaltloser Begeisterung. Wenn in diesem Land irgendwo Ost und West tatsächlich zusammengewachsen sind, so an dieser Stelle auf die überzeugendste Weise. Auch wenn die Drarnaturgie des Konzertes mit dem Ringbau aus „Immer wieder wächst das Gras“ einen harmonischen Abschluss geboten hätte – es dürften wohl ein Dutzend Zugaben gewesen sein, zu denen das enthusiastisehe Publikum die Musiker immer wieder auf die Bühne zurückgeklatscht, -getrampelt, -geschrien und -gepfiffen hatte.

Und im rückhaltlosen Verausgaben blieben sie ihrem Vorbild Gerhard Gundermann treu – ausgelaugt bis zum letzten Schweißtropfen versöhnte nach drei Stunden Konzert die Zusage des Buschfunk-Label-Chefs Klaus Koch Musiker und Fans: Vielleicht gibt es Weihnachten 2004 doch noch ein Konzert.

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